Bild: Bloober Team

Cronos The New Dawn im Test – Unheilvolle Morgendämmerung

Die ersten Augenblicke in Cronos the New Dawn waren für uns gleichermaßen fesselnd und beunruhigend. Wir wurden direkt in eine trostlose, sowjetisch anmutende Nachkriegswelt gestoßen, in der eine Ästhetik des osteuropäischen Brutalismus auf retro-futuristische Technologie trifft. Jeder Schritt durch die postapokalyptischen Landschaften, sei es in den verwüsteten 1980er Jahren oder der apokalyptischen Zukunft, vermittelt ein sofortiges Gefühl der Hoffnungslosigkeit. 

Die gedämpfte, nahezu monotone Farbpalette unterstreicht die Schwere und den Verfall der Welt. Unheimliche, groteske Konglomerate aus verformten menschlichen Körpern, die als „Biomasse“ bezeichnet werden, prägen die Umgebung und lassen uns ständig im Ungewissen, ob aus diesen monströsen Wällen nicht doch ein neuer Albtraum hervorbricht.

?Dieses Erlebnis fühlt sich wie eine bewusste Abkehr von den Wurzeln des Entwicklerstudios an. Bloober Team, bekannt für tiefenpsychologischen Horror wie The Medium oder Layers of Fear, hat vor einiger Zeit angekündigt, sich von dieser Nische zu lösen und stattdessen einen zugänglicheren, actionorientierten Horror für den Massenmarkt zu kreieren. Cronos the New Dawn ist der direkte Beweis für diese evolutionäre Entscheidung. 

Die offensichtlichen Anleihen bei Genregiganten wie Dead Space, Resident Evil und The Evil Within sind unübersehbar. Das Spiel bedient sich der besten Mechaniken dieser Vorbilder, von der über die Schulter gezeigten Perspektive bis zur klaustrophobischen Enge der Gänge.

?Wir schlüpfen in die Rolle eines mysteriösen Reisenden, der für eine enigmatische Gruppe namens „Das Kollektiv“ agiert. Unsere Mission ist es, durch Zeitrisse zu navigieren, um die „Essenzen“ von Personen zu sammeln, die bei einem katastrophalen Ereignis namens „Der Wandel“ umgekommen sind. 

Diese geheimnisvolle Prämisse ist zu Beginn rätselhaft, weckt aber sofort unser Interesse. Es handelt sich um ein erzählerisches Fundament, das die Neugier konstant nährt und uns antreibt, die trostlose Welt nach Antworten zu durchsuchen. Ein wichtiger Aspekt, der uns während unserer Reise immer wieder in den Sinn kam, ist die kreative Verbindung zwischen dem Spielkonzept und der Entstehungsgeschichte des Entwicklers. 

Während Cronos the New Dawn im Spiel die „Essenzen“ der Vergangenheit bergen muss, hat Bloober Team die „Essenzen“ der Survival-Horror-Klassiker genommen, um ihr eigenes Spiel zu schaffen. Dieser bewusste Akt der Übernahme von Ideen ist keine bloße Nachahmung, sondern eine Hommage und eine Weiterentwicklung, die sich sogar in der Spielhandlung widerspiegelt. Die Ästhetik des Spiels, die das Sammeln des Vergangenen zur zentralen Aufgabe macht, entgegnet direkt der Kritik, es würde an Originalität fehlen, und macht diese scheinbare Schwäche zu einem bewussten, thematischen Fundament.

Der Kern des Erlebnisses in Cronos the New Dawn liegt in seinem Kampfsystem, das über die bloße Action hinausgeht und sich als strategisches Puzzle entpuppt. Das Spiel zwingt uns, jeden Kampf mit Bedacht zu führen. Die Ressourcen sind extrem knapp, jede Kugel und jedes Heilpaket will wohlüberlegt eingesetzt werden, was das Gefühl der Verletzlichkeit durchgehend aufrechterhält. Das macht ein gedankenloses Run-and-Gun-Vorgehen unmöglich und verlangt stattdessen taktische Entscheidungen in Sekundenbruchteilen.

Die zentrale und wohl innovativste Mechanik ist das sogenannte Merge-System. Die Gegner, die man Orphans nennt, können sich nach dem Ableben ihrer Artgenossen mit deren Kadavern vereinen, um zu noch furchterregenderen und stärkeren Bestien zu mutieren. Dies zwingt uns, unsere Kampfstrategie ständig anzupassen. Wir müssen uns nicht nur fragen, wie wir einen Gegner töten, sondern auch wo und wann, um zu verhindern, dass die Leichen zu neuer Biomasse verschmelzen. Die einzige zuverlässige Methode, dies zu unterbinden, ist das Verbrennen der Überreste mit unserem Flammenwerfer, dessen Treibstoff ebenfalls ein rares Gut ist. Die wahre Bedrohung liegt somit nicht in der direkten Konfrontation, sondern in der potenziellen, unaufhaltsamen Evolution der Feinde, wenn wir unachtsam sind.

Einige Zuschauer von vorab veröffentlichten Gameplay-Videos kritisierten, dass die Gegner nicht auf Schüsse reagieren, wie es beispielsweise im berühmten Dead Space der Fall ist, wo man Gliedmaßen abtrennt. Diese Beobachtung teilen wir zwar in einem gewissen Maß, doch wir sehen darin keinen Designfehler, sondern eine bewusste Neuausrichtung des Horrors. 

Das Spiel legt den Fokus nicht auf die physische Verstümmelung der Gegner, sondern auf die strategische Kontrolle des Schlachtfelds. Der Horror entsteht aus der ständigen Sorge, dass ein besiegter Gegner eine noch größere Gefahr heraufbeschwören könnte. Zudem konnten wir während unserer Zeit mit dem Spiel feststellen, dass vor allem die geladenen Schüsse, die wir mit unserer Waffe abfeuern können, eine enorme Durchschlagskraft besitzen und die Gegner spürbar zurückschleudern. Diese Mechanik zwingt uns dazu, jeden einzelnen Schuss abzuwägen und nicht auf schwache, schnelle Salven zu vertrauen.

Abseits der Kämpfe kehrt Cronos the New Dawn zu den bekannten, aber soliden Wurzeln des Genres zurück. Wir durchstreifen größtenteils lineare Abschnitte, die uns an bestimmten Stellen mit Ressourcen, storyrelevanten Dokumenten und Rätseln belohnen, die zwar nicht sonderlich originell, aber stimmig sind. 

Die traditionellen Safe Rooms bieten uns Momente der Erholung, wo wir unseren Rucksack sortieren, speichern und hart erkämpfte Upgrades für unsere Waffen und Rüstung installieren können. Ein besonders liebevolles Detail sind die im Spiel verteilten Katzen, die gerettet werden können und auf den echten Haustieren der Entwickler basieren. Mit einer Spielzeit von rund 16 Stunden ist das Abenteuer straff inszeniert und fühlt sich weder zu kurz noch künstlich in die Länge gezogen an, was wir in diesem Genre als eine willkommene Entscheidung empfinden.

Die audiovisuelle Präsentation ist der Kitt, der Cronos the New Dawn zusammenhält. Auf technischer Ebene läuft das Spiel auf der leistungsstarken Unreal Engine 5, die der dystopischen Welt eine beeindruckende, düstere Textur verleiht. Die visuelle Gestaltung der „Biomasse“ und der mutierenden Kreaturen ist so widerlich wie faszinierend und erzeugt eine konstante, unterschwellige Anspannung, die uns auf unserer Reise begleitet.

Das Sounddesign ist ein Meisterwerk für sich. Der Komponist Arkadiusz Reikowski kreiert einen Soundtrack, der nahtlos mit der Umgebung verschmilzt, indem er klassische Synthesizer mit organischen Instrumenten und den Schreien der Kreaturen vermischt. Die metallischen Knirschgeräusche, das angsterregende, herzschlagähnliche Gedröhne und die furchterregenden Schreie der mutierenden Monster tragen maßgeblich zur beklemmenden Atmosphäre bei. 

Auch die Synchronisation braucht sich nicht zu verstecken. Die Stimme der Protagonistin,  die roboterhaft und gefühllos wirkt, interpretieren wir als eine bewusste künstlerische Entscheidung. In ihrem schweren Anzug, der sie von der Welt abschirmt, und auf ihrer fast unmenschlichen Mission, die Überreste der Menschheit zu bergen, unterstreicht die distanzierte Tonlage ihre Isolation und die Kälte ihrer Aufgabe.

Auf der PS5 wird dieses sensorische Erlebnis noch einmal verstärkt. Die Plattform bietet das umfassendste und immersivste Erlebnis, da das Spiel die einzigartigen DualSense-Features vollumfänglich unterstützt. Die haptische Rückmeldung und die adaptiven Trigger sind hier mehr als nur eine Spielerei; sie sind ein integraler Bestandteil des Horrors. Das Abfeuern der Waffe fühlt sich dank des spürbaren Widerstands im Abzug und des präzisen, haptischen Rückstoßes in den Handflächen realer und bedrohlicher an. Jeder Schuss wird zu einer physischen und emotionalen Entscheidung, was das knappe Ressourcenmanagement noch intensiver macht. 

Die haptische Rückmeldung vermittelt zudem das Gefühl von Umgebungstexturen, sei es das Kriechen durch einen engen Spalt oder das Treten auf verschiedene Oberflächen, und lässt uns die physikalische Präsenz der Welt spüren. 

All dies verstärkt die strategische Natur des Spiels, da wir nicht nur visuell und akustisch, sondern auch physisch die Last jeder Entscheidung zu spüren bekommen. Ein weiterer Vorteil auf der Sony-Konsole sind die nahezu nicht vorhandenen Ladezeiten, die uns dank der schnellen SSD und einer im Vergleich zu anderen Bloober-Titeln geringen Dateigröße von 21 GB nahtlos in die beklemmende Atmosphäre zurückkehren lassen, sollten wir scheitern.

Cronos the New Dawn ist ein ambitionierter, mutiger und größtenteils gelungener Schritt für Bloober Team. Das Spiel beweist, dass sich das Studio erfolgreich von seinen psychologischen Wurzeln lösen und ein actionorientiertes Survival-Horror-Erlebnis schaffen kann, das auf eigenen Füßen steht. 

Die meisterhafte Atmosphäre, die durch die einzigartige Ästhetik, das herausragende Sounddesign und die schrecklichen visuellen Darstellungen entsteht, ist unbestreitbar die größte Stärke der Erfahrung. Das innovative „Merge“-System ist ein mutiger Kniff, der das Gameplay über eine bloße Nachahmung seiner Vorbilder erhebt und ihm eine frische, strategische Tiefe verleiht.

Es gibt jedoch auch Raum für Verbesserung. Die Gegner-Vielfalt könnte im weiteren Verlauf des Spiels repetitiv werden, und die Rätsel sind wenig herausfordernd. Die ambivalent aufgenommene Sprachausgabe der Protagonistin, die wir als bewusste stilistische Wahl interpretieren, könnte für andere Spieler ein Hemmnis darstellen. Dennoch wiegt die Brillanz des Gesamterlebnisses diese kleineren Mängel bei Weitem auf.

Cronos the New Dawn ist nicht nur ein weiterer Horrortitel, sondern ein wohlüberlegter Versuch, etablierte Genremechanismen intelligent neu zu interpretieren. Die PS5-Version ist dabei dank der einzigartigen DualSense-Integration die ideale Plattform für das intensivste und immersivste Abenteuer. 

Für uns ist Cronos the New Dawn ein Muss für jeden, der nach einem strategisch anspruchsvollen Survival-Horror-Erlebnis dürstet. Es ist ein Spiel, das seine Einflüsse trägt, aber mit ihnen tanzt und eine eigene, zutiefst verstörende Melodie spielt.

Cronos The New Dawn ist ab dem 05. September 2025 für PC, PS5 und Xbox Series S/X erhältlich.

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