Die Gamescom Opening Night Live gilt als glanzvoller Auftakt der weltweit größten Gaming-Messe. Millionen Menschen verfolgen die Show im Livestream – und genau dafür scheint sie auch gemacht. Wer jedoch in Köln in Halle 1 Platz nimmt, erlebt eine ganz andere Realität: eine Show, die mehr Kulisse als Erlebnis ist.
Trailer-Marathon statt Dramaturgie
Der Einlass beginnt bereits dreieinhalb Stunden vor Start – wer einen guten Platz in den vorderen Reihen haben möchte, muss früh da sein. Sitzplatzreservierungen? Fehlanzeige. Nicht einmal eine Reihennummerierung existiert. So kommt es bei rund 5.000 Zuschauern schnell zum Gedränge, und wer einmal seinen Platz verlässt, verliert nicht selten Partner oder Mitbringsel aus den Augen.
Die Show selbst erweist sich als Aneinanderreihung von Trailern, nur hin und wieder durch kurze Wortbeiträge unterbrochen. Dramaturgischer Spannungsbogen? Kaum vorhanden. Für das Publikum im Saal heißt das: zwei Stunden Stillhalten auf harten Stühlen – eher geeignet für eine Rathausrede als für eine Games-Show.
Kälte und Unbehagen
Die Halle ist zwar klimatisiert, doch die Temperaturen erinnern eher an einen Kühlschrank. Wer im T-Shirt erscheint, friert bald in den Sitzen. Wohlfühlfaktor? Gleich null. Die ONL bleibt ein funktionales Event, nicht mehr.
Akustik zwischen Druck und Schmerz
Wirklich problematisch wird es bei Bild und Ton: Die Leinwände sind für die Dimensionen der Halle schlicht zu klein. Wer weiter hinten sitzt, erkennt wenig – die Trailer verlieren sich in der Distanz. Gleichzeitig ist der Bass so übersteuert, dass er nicht nur in den Ohren schmerzt, sondern körperlichen Druck auf Brustkorb und Lunge erzeugt. Statt immersiv wirkt die Beschallung schlicht aggressiv.
Bühne in weiter Ferne
Die Bühne selbst liegt so weit entfernt, dass der Eindruck eines Fußballstadions entsteht. Nähe zu den Entwicklern oder Moderatoren? Praktisch nicht vorhanden. Der Großteil des Publikums verfolgt die Show über Bildschirme – allerdings in schlechterer Qualität als zu Hause auf dem eigenen Fernseher.
Hohe Preise, wenig Wertschätzung
Auch die Rahmenbedingungen hinterlassen einen faden Beigeschmack: Getränkepreise auf Festival-Niveau und ein Gesamteindruck, der klarmacht – das Publikum ist hier nicht Zielgruppe, sondern Statist. Sein Applaus und Jubel sind Teil der Inszenierung für den weltweiten Livestream.
Fazit
Die Opening Night Live ist eine makellose Show fürs Internet – Hochglanztrailer, internationale Reichweite, perfekte Vermarktung. Für das Live-Publikum jedoch bleibt sie ein frostiges, lautes und unbequemes Erlebnis. Gute Show? Sicher. Aber nicht für jene, die vor Ort ausharren. Wer stattdessen am Rheinufer mit dem Smartphone streamt, hat es wahrscheinlich bequemer.
Empfehlungen an die Veranstalter
Damit die ONL künftig auch vor Ort überzeugt, braucht es grundlegende Anpassungen:
- Sitzplatzordnung mit Reihennummern oder Reservierungssystem, idealerweise mit gestaffelten Preiskategorien.
- Akustische Optimierung der Halle, etwa durch Akustikdecken oder Bassfallen.
- Größere Screens über der Bühne, wie sie bei großen Konzerten üblich sind, damit auch hintere Reihen mehr sehen als nur Lichtpunkte.
Dann hätte die Gamescom-Show das Potenzial, nicht nur im Stream zu glänzen, sondern auch für die 5.000 Menschen im Saal ein echtes Erlebnis zu sein.






