Uralte Redwood-Bäume zählen zu den größten und zugleich geheimnisvollsten Lebewesen unseres Planeten. Ihre gewaltige Erscheinung ist beeindruckend – doch ihre Klangwelt bleibt für die meisten Menschen verborgen. Genau diese wollte der US-amerikanische Klangforscher und Field-Recording-Spezialist Thomas Rex Beverly hörbar machen. In einem außergewöhnlichen Projekt dokumentierte er mit professioneller Aufnahmetechnik die akustische Landschaft eines geschützten Redwood-Waldes in Kalifornien – vom Waldboden bis in fast 80 Meter Höhe.
Für sein Vorhaben erhielt Beverly eine seltene Genehmigung des Sempervirens Fund, einer Organisation, die sich dem Schutz der kalifornischen Redwood-Wälder verschrieben hat. Die Aufnahmen entstanden in einem abgelegenen Hain in den Santa Cruz Mountains, in dem teils über tausend Jahre alte Bäume stehen. Ziel war es, nicht nur die klassischen Naturgeräusche eines Waldes einzufangen, sondern die vielschichtige, vertikale Klangstruktur eines einzelnen Redwood-Baums erfahrbar zu machen.
Mehr als nur Waldatmosphäre
Im Mittelpunkt des Projekts stand die Frage, wie sich Klang in unterschiedlichen Höhen verändert. Während viele Naturaufnahmen vom Boden aus entstehen, ging Beverly einen Schritt weiter – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit Unterstützung erfahrener Kletterführer installierte er Mikrofone in mehreren Höhenstufen: am Fuß des Baumes, in rund 30, 60 und bis zu 70 Metern Höhe im Kronendach. So konnten Wind, Tierlaute und das Knarren der Äste zeitgleich aus verschiedenen Perspektiven aufgezeichnet werden.
Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, wie stark sich die Akustik innerhalb eines einzigen Baumes unterscheidet. Während am Boden gedämpfte, weitläufige Waldatmosphäre dominiert, entstehen im Blätterdach feinere, teils deutlich bewegtere Klangbilder – etwa durch unterschiedlich geformte Nadeln, Windströmungen oder vorbeifliegende Tiere.
Technik trifft Natur
Zum Einsatz kam überwiegend hochwertige Aufnahmetechnik aus der MKH-8000-Serie. Diese Mikrofone zeichnen sich durch einen besonders breiten Frequenzgang, geringes Eigenrauschen und hohe Detailtreue aus – entscheidend, um selbst feinste Umgebungsgeräusche hörbar zu machen. Beverly nutzte unterschiedliche Konfigurationen, darunter ORTF- und MS-Setups sowie mehrkanalige 3D-Anordnungen, um dem Wald eine räumliche Tiefe zu verleihen.
Ein besonderer Fokus lag zudem auf Klängen, die normalerweise unhörbar bleiben. Mithilfe von Kontaktmikrofonen an der Rinde nahm Beverly Geräusche aus dem Inneren der Bäume auf. Dabei wurde unter anderem das leise Knistern des Wassers hörbar, das durch das Xylem – das Leitgewebe des Baumes – nach oben transportiert wird. Selbst entfernte Tierlaute konnten so indirekt erfasst werden, da der Baum als Resonanzkörper fungierte.
Eine Nacht im Blätterdach
Zu den eindrucksvollsten Momenten des Projekts zählt eine Nacht, die Beverly in einer Hängematte hoch oben im Baum verbrachte. Umgeben von Stille, Wind und vereinzelten Rufen von Eulen entstanden Aufnahmen, die die besondere Atmosphäre der Redwood-Kronen einfangen. Sonnenaufgang und Morgengesang aus dieser Perspektive zu dokumentieren, beschreibt der Klangforscher als eine seiner intensivsten Erfahrungen.
Ein akustisches Denkmal
Beverlys Arbeit gilt als Meilenstein moderner Naturklangaufnahmen. Durch den Einsatz innovativer Mikrofon-Setups und die konsequente Erkundung der vertikalen Dimension eines einzelnen Baumes eröffnet das Projekt eine neue Art des Hörens – und ein tieferes Verständnis für komplexe Ökosysteme. Gleichzeitig macht es deutlich, wie schützenswert diese uralten Wälder sind.
Im Kern ist das Projekt mehr als eine technische oder künstlerische Leistung: Es ist ein akustisches Denkmal für die höchsten Bäume der Welt – und eine eindringliche Erinnerung daran, dass selbst Stille viele Geschichten erzählen kann.






