Bild: Owlcat Games

RUE VALLEY im Test – im Sog der Endlosschleife

Zwischen psychologischer Selbstfindung und der unausweichlichen Wiederholung einer 47-minütigen Zeitschleife bietet dieses narrative Rollenspiel eine emotionale Achterbahnfahrt. 

Wir begleiten einen gebrochenen Protagonisten durch seine tiefsten Ängste, während wir versuchen, das Geheimnis eines mysteriösen Motels zu lüften, bevor die Welt erneut untergeht. Trotz technischer Holprigkeit überzeugt der Titel durch seinen mutigen Stil und tiefgründige Charakterstudien.

Unser Abenteuer in Rue Valley beginnt nicht mit einem großen Knall, sondern auf der Couch eines Therapeuten, und genau dieser Einstieg setzt den Ton für die gesamte Erfahrung. Wir schlüpfen in die Rolle von Eugene Harrow, einem Mann, der sichtlich mit seinem Leben und seiner mentalen Gesundheit zu kämpfen hat. Schon in den ersten Minuten, in denen wir uns durch die Dialoge klicken, wird klar, dass dieses Spiel ein geistiger Nachfolger von Titeln wie Disco Elysium sein möchte. 

Es gibt keine klassischen Kämpfe, keine Monster, die wir mit Schwertern erschlagen müssen. Unser Schlachtfeld ist die eigene Psyche und die Interaktion mit den skurrilen Bewohnern eines abgelegenen Motels im Nirgendwo.

Der erste Eindruck ist visuell überwältigend. Der Grafikstil erinnert sofort an moderne Animationsfilme wie Spider-Man: Into the Spider-Verse, mit kräftigen Farben, sichtbaren Rasterpunkten und einer Framerate bei den Animationen, die bewusst reduziert ist, um diesen einzigartigen Stop-Motion-Look zu erzeugen. Es wirkt frisch und unverbraucht. Doch kaum haben wir uns an die Ästhetik gewöhnt, passiert es: Die Welt geht unter. Genau 47 Minuten haben wir Zeit, bevor der Himmel rot wird und alles endet, nur um wieder genau dort zu starten, wo wir begonnen haben – im Sessel unseres Therapeuten.

Diese Prämisse fesselt uns sofort. Wir fühlen die Verwirrung und die Verzweiflung von Eugene, da das Spiel diese Emotionen nicht nur erzählt, sondern durch seine Mechaniken spürbar macht. Wir sind neugierig, wollen wissen, was es mit der Anomalie auf sich hat und warum ausgerechnet dieser unscheinbare Ort der Mittelpunkt des Universums zu sein scheint. Der Einstieg gelingt dem Spiel sehr gut, da es uns sofort in seine melancholische, aber dennoch seltsam hoffnungsvolle Atmosphäre zieht. Man merkt schnell, dass hier die Geschichte und die Charaktere im Fokus stehen.

Im Kern des Gameplays steht das Erkunden, Reden und das Verwalten unserer begrenzten Zeit. Anders als in vielen anderen Rollenspielen leveln wir keine Stärke oder Geschicklichkeit im herkömmlichen Sinne. Stattdessen formen wir Eugenes Persönlichkeit. 

Zu Beginn legen wir fest, ob er eher introvertiert, sensibel oder vielleicht doch impulsiv ist. Diese Entscheidungen sind nicht statisch; das Spiel reagiert dynamisch auf unseren Spielstil. Wenn wir uns betrinken, wird unser introvertierter Charakter plötzlich extrovertierter und traut sich Dinge, die ihm nüchtern unmöglich wären. Dieses System der „Status-Effekte“ ist clever, da es ludonarrativ ist: Wir spielen nicht nur eine Rolle, wir fühlen die Schwankungen in Eugenes Gemütszustand.

Das Speichern von Wissen ist unsere wichtigste Waffe gegen die Zeitschleife. Wir nutzen eine Art Gedankenpalast, einen Graphen, in dem wir wichtige Informationen, Absichten und Erinnerungen ablegen. Das ist auch bitter nötig, denn die 47 Minuten vergehen wie im Flug. Wir müssen priorisieren: Sprechen wir in diesem Durchlauf mit der unfreundlichen Rezeptionistin, um an den Schlüssel zu kommen, oder versuchen wir das Geheimnis des kaputten Verkaufsautomaten zu lüften? Das Spiel zwingt uns dazu, effizient zu sein. Manchmal müssen wir „Vorspulen“, indem wir einfach Zeit totschlagen oder ein Minispiel auf dem Handy spielen, um zu einem bestimmten Ereignis zu gelangen.

Allerdings zeigt sich hier auch die größte Schwäche des Gameplays. Die Wiederholung, die thematisch so gut zur Depression und dem Gefühl des Feststeckens passt, kann spielerisch zur Geduldsprobe werden. Wir müssen bestimmte Wege immer wieder gehen und Dialoge, die wir schon kennen, erneut führen, auch wenn wir sie beschleunigen können. Manche Rätsel wirken dabei etwas aufgesetzt, wie das Suchen von Gegenständen auf einem Friedhof, was den Erzählfluss unnötig bremst.

 Auch die „Live-Ladebildschirme“, während wir mit dem Auto zu anderen Orten fahren, sind zwar stilistisch nett, nagen aber an der kostbaren Zeit, die wir in der Schleife haben. Dennoch motiviert das langsame Entblättern der Hintergrundgeschichten der NPCs ungemein. Jeder Bewohner von Rue Valley trägt sein eigenes Päckchen, und es ist unglaublich befriedigend, wenn man nach mehreren Loops endlich den richtigen Zugang zu einer verschlossenen Person findet.

Technisch und künstlerisch ist Rue Valley ein zweischneidiges Schwert, auch wenn die positive Seite überwiegt. Wie bereits erwähnt, ist der Grafikstil ein absolutes Highlight. Die Cel-Shading-Optik verleiht jeder Szene, sei es das staubige Motelzimmer oder die weite Wüste bei Sonnenuntergang, eine enorme Ausdruckskraft.

 Die Beleuchtung ist fantastisch und trägt maßgeblich zur Stimmung bei. Wenn die Zeitschleife sich dem Ende neigt und die Welt in ein bedrohliches Rot getaucht wird, erzeugt das Gänsehaut. Die Umgebung erzählt dabei ihre eigene Geschichte; überall finden sich kleine Details, die darauf warten, entdeckt zu werden.

Der Sound untermalt dieses Erlebnis meist passend. Der Soundtrack ist stimmungsvoll, oft melancholisch und zurückhaltend, weiß aber in dramatischen Momenten Akzente zu setzen. 

Es gibt jedoch einen Wermutstropfen: die Sprachausgabe. Während die vorhandenen Sprecher einen guten Job machen und den Figuren Leben einhauchen, ist das Spiel nicht vollständig vertont. Es kommt immer wieder vor, dass Dialogzeilen stumm bleiben oder die Vertonung inkonsistent wirkt. Das reißt uns manchmal unnötig aus der Immersion, gerade in einem Spiel, das so sehr von seinen Texten lebt.

Ein weiterer Punkt, der uns aufgefallen ist, sind kleinere technische Ungereimtheiten. Auf der PS5 läuft das Spiel größtenteils flüssig, aber wir sind hier und da über Bugs gestolpert, bei denen Animationen nicht korrekt abgespielt wurden oder die Wegfindung hakte. Die Steuerung mit dem Controller ist solide, fühlt sich aber in den Menüs manchmal etwas frickelig an, was bei einem PC-fokussierten Interface nicht ungewöhnlich ist. Diese Mängel sind nie so gravierend, dass sie das Spiel unspielbar machen, aber sie trüben den ansonsten so polierten künstlerischen Gesamteindruck ein wenig.

Unsere Zeit in Rue Valley war eine Reise, die uns noch lange beschäftigen wird. Das Spiel schafft es, schwere Themen wie Depression, Reue und die Suche nach dem Selbstwertgefühl mit einer faszinierenden Zeitschleifen-Mechanik zu verweben, ohne dabei belehrend zu wirken. Die Geschichte von Eugene Harrow ist berührend, ehrlich und oft auch humorvoll in ihrer Tragik. Wir haben mit ihm gelitten, gelacht und gehofft.

Dennoch ist der Titel nicht frei von Fehlern. Die repetitive Natur des Gameplays, die zwar narrativ Sinn ergibt, kann im späteren Spielverlauf anstrengend werden, wenn man das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten. Hinzu kommen die inkonsistente Sprachausgabe und kleinere technische Macken, die verhindern, dass das Spiel sein volles Potenzial ausschöpft. Es ist kein perfektes Spiel und erreicht vielleicht nicht ganz die narrative Tiefe und Komplexität seines großen Vorbilds Disco Elysium, aber es steht stolz auf eigenen Beinen.

Für Fans von narrativen Abenteuern, die bereit sind, sich auf eine emotionale Geschichte einzulassen und über einige Längen hinwegzusehen, ist Rue Valley eine klare Empfehlung. 

Es ist ein mutiges Experiment, das zeigt, wie Videospiele psychische Gesundheit thematisieren können. Wer jedoch actionreiches Gameplay sucht oder allergisch auf viel Lesestoff reagiert, wird hier vermutlich nicht glücklich. Wir verlassen das Motel jedenfalls mit einem Gefühl der Melancholie, aber auch mit der Gewissheit, mit Rue Valley ein sehr besonderes Spiel erlebt zu haben.

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