Sozial-emotionale Aspekte des Spielens

Obwohl Spielen etwas ganz Natürliches ist, was jedes kleine Kind von sich aus macht, um die Welt kennenzulernen, sind Spiele immer noch oftmals stigmatisiert. Das trifft vor allem auf Videospiele zu und hier wiederum gerade auf Jugendliche oder auch auf Erwachsene.

Während über Jugendliche oft behauptet wird, das Videospielen mache sie zu sozialen Außenseitern oder gar zu potenziellen, gewaltbereiten Attentätern, werden erwachsene Spielende abschätzig als „Spielkinder“ tituliert. Wer erwachsen ist, habe doch Sinnvolleres zu tun, als seine Zeit mit Spielen zu verschwenden. All diese Vorurteile über das Spielen sind nicht haltbar. Mehr noch: Das Spielen ist für Menschen jeden Alters sogar enorm wichtig. Gerade die sozial-emotionalen Aspekte sind eine genauere Betrachtung wert.

Entdecker der Welt, des Selbst und des Anderen

Jugendliche und Erwachsene spielen in vielen Fällen zum Abschalten oder aus reinem Vergnügen. Dass die sozialen Aspekte und der Austausch ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, wird oft vergessen. Wie wichtig aber auch dieser Punkt ist, wird später noch zu zeigen sein. Gerade für Kinder aber überwiegen soziale Aspekte. Denn Kinder spielen, um einerseits die Welt und sich selbst kennenzulernen und sie verstehen zu lernen. Andererseits entdecken sie im Spiel auch das Gegenüber.

Sowohl beim Spielen mit Gleichaltrigen, die ebenfalls wiederum spielen und auf der Suche nach Spielpartner*innen sind, als auch beim Spiel mit Erwachsenen, findet emotionale Bildung und Bindung statt. Und das, ganz ohne dass jemand diese Dinge bewusst ausformuliert oder Kindern beibringt. Im Spiel erfahren sie, welche Gefühle sie im Bezug auf Ereignisse oder Dinge in der Welt haben. Sie erfahren, wie diese Gefühle sich bei anderen unterscheiden und wo Gemeinsamkeiten liegen. Dadurch können Abgrenzungsvorgänge stattfinden und die Selbstfindung kann in Gang gesetzt werden.

Auch testen Kinder beim Spielen Grenzen aus. Was kann ich machen, ohne die anderen zum Weinen zu bringen? Was bringt mich selbst zum Weinen? Was bringt alle zum Lachen? Wie fühlt sich das an, wenn andere lachen oder weinen? Kinder erfahren all diese Dinge ganz automatisch beim Spiel und entwickeln dadurch ein Verständnis von der Welt und langsam auch eine Persönlichkeit.

Durch das Spielen werden weiterhin nicht nur diverse andere Bildungsprozesse in Gang gesetzt. Kinder lernen beim Spielen auch schon in jüngsten Jahren, wie mit Problemen umzugehen und wie diese zu bewältigen sind. Spielen sie hingegen nicht und unterbindet man etwa, dass sie Dinge anfassen, (be)greifen und ausprobieren, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich später im sozialen und emotionalen Bereich Probleme entwickeln, für die nur schwer Lösungen gefunden werden.

Kennenlernen und Austauschen

Das Kennenlernen des Fremden oder Anderen im Spiel nimmt nicht nur im Bezug auf Gegenstände und die gesamte Umgebung, sondern stark auch im Bezug auf menschliche Subjekte eine wichtige Rolle ein. Schon Kleinkinder interagieren beim Spielen oft mit Bezugspersonen. Das Spiel mit ihnen entwickelt sich meist über ein Spielobjekt, bis der Fokus zumindest zwischenzeitlich immer stärker in Richtung der Bezugsperson rückt.

Indem durch wiederholte Spielprozesse ritualisierte Charaktere von Handlungen aufgenommen werden, verändern sich die Intentionen von Kindern. Sie treten dann bald von sich aus in eine intentionale Kommunikation mit anderen Personen ein. Werfen sie einem Erwachsenen etwa einen Ball hin, kommt etwas zurück. Gleiches gilt für ein Lächeln oder wenn sie einer anderen Person einen Arm hinstrecken. Später kommt es dann zur Interaktion mit Gleichaltrigen. Obwohl das Spiel hier meist noch egozentrischer Natur ist, nehmen schon Babys Blickkontakt mit Gleichaltirgen auf, lächeln sich an, berühren sich.

Je älter Kinder werden – und das zieht sich dann natürlich übers Jugend- bis ins Erwachsenenalter – desto wichtiger wird die soziale Interaktion beim Spielen. Bereits im Kindergarten und besonders stark in den ersten Schuljahren entsteht die größte Freude meist im gemeinsamen spielerischen Entdecken. Freude und Begeisterung am gemeinsamen Spiel und ein sich dadurch herausbildendes emotionales Verständnis für den anderen prägen entscheidend die Persönlichkeiten. Hierbei wird auch die Grundlage dafür gelegt, sich in andere Menschen einfühlen und langfristig tragfähige Beziehungen aufbauen zu können.

Soziale Interaktion – Ein wichtiger Teil von Videospielen

Was auf Kinder beim Spielen im Sandkasten zutrifft, ist bei Jugendlichen oder Erwachsenen, die sich gemeinsam etwa in der Welt der Videospiele bewegen nicht anders. Beim Spielen mit anderen oder gegen andere, teilen sie Erlebnisse, testen Grenzen aus und erfahren sich selbst und andere auf natürliche Weise durch reines Ausprobieren und Beobachten.

Zwei einfache Beispiele:

  1. Der typische Sportspielabend mit Freunden: Man sitzt zu zweit oder dritt auf der Couch und spielt gegeneinander etwa ein Rennspiel oder den neusten Ableger von FIFA. Die Spieler*innen treten miteinander in Wettstreit und Erproben ihre Fähigkeiten, um sich zu vergleichen. Durch das Beobachten des Anderen und dessen Verhalten, lernt man neue Spielweisen und kann sich besser ins Gegenüber hineinversetzen. Der Austausch nach dem Spiel klärt auf, warum sich der eine so und der andere so verhalten hat.

Hinzu kommt die emotionale Ebene: Die Freude bei einem Sieg, der Ärger bei einer Niederlage. Wie groß darf die Schadenfreude sein, wenn der andere besiegt wurde? Lohnt es sich überhaupt, den anderen zu verspotten, könnte sich doch im nächsten Spiel das Blatt schon wenden? All diese Aspekte finden meist ganz unbewusst statt. Dennoch existieren sie und sorgen erst dafür, dass man sich zu solchen Abenden mit Freunden überhaupt trifft. Hinzu kommt dann natürlich auch der Austausch über Allgemeines, zu dem die Möglichkeit oft erst über den Reiz, sich zum Spielen zu verabreden, entsteht.

  1. Abseits davon machen heute vor allem auch unzählige Online-Multiplayerspiele einen Großteil der Spielelandschaft aus. Gerade in Zeiten, in denen soziale Kontakte eher zu meiden sind, kann zu Online-Gaming eigentlich nur aufgerufen werden. Denn neben dem Spielspaß, der dabei mit anderen geteilt wird, findet auch hier noch viel mehr statt.

Oft wird dabei nämlich in Teams, Gilden oder Clans gespielt. Um gemeinsam bestimmte Aufgaben, Quests oder Herauforderungen erledigen und meistern zu können, sind Abstimmungen und Entscheidungen gemeinsam anzugehen. Nur, wenn taktisch und im Hinblick auf das Team gespielt wird, können Siege und Erfolge eingestrichen werden. Es geht also darum, eben nicht nur an sich selbst, sondern im Spiel auch an alle anderen zu denken und entsprechend zu handeln und zu interagieren.

Genau das sorgt dafür, dass das Spielwelten zu einem Raum werden, in dem gemeinsam eine virtuelle Welt entdeckt wird, die auch Rückschlüsse auf die „echte Welt“ zulässt. Zwar können zu lange und intensive Aufenthalte im Internet auch zur Vereinsamung oder sozialen Isolation führen. In den meisten Fällen aber färdern zumindest gemeinsame Onlinespiele den Austausch miteinander und wirken als emotionale Entdeckungsreisen für die Spielgemeinschaft.

Soziale Interaktion und Austausch findet aber auch über das Spielen selbst hinaus statt. Videospieler*innen wissen, wie groß die Communities teilweise sind, die sich um bestimmte Spiele, Franchises, Genres, Entwicklerstudios oder Spielkonsolen herum entwickeln. Auch bei Genres und in Bereichen etwa, bei denen viele Spieler*innen unsicher oder besonders vorsichtig sein möchten, profitieren sie von regem Austausch.

Im Bereich des Online-Casino- und Glücksspiels beispielsweise möchten viele auf Nummer Sicher gehen, ausschließlich an seriöse Anbieter und gute Plattformen zu geraten. Spieler*innen können durch entsprechende Communitites dann immens von den Erfahrungen anderer profitieren und sich wichtige Hinweise, Tipps und Tricks abholen. Nicht zuletzt hilft es gerade hier auch, sich über das Spielverhalten mit anderen auszutauschen. Wie lange wird gespielt? Wann setzt ungesundes Spielverhalten ein? Was lässt sich dagegen tun? All diese Möglichkeiten funktionieren so gut und einfach nur über die Möglichkeiten der sekundenschnellen Kommunikation, die das Internet ermöglicht.

Die Studienlage zu angesprochenen Phänomenen

Einige Studien stützen Phänomene, die nun bereits angesprochen wurden und zeigen grundsätzlich, dass Spielen im Allgmeinen und Videospiele eine wertvolle Funktion in der Entwicklung eines Menschen einnehmen können.

Fangen wir auch hier wieder mit den Kleinsten an. Ein Team vom Leipziger Forschungszentrums für frühkindliche Entwicklung (LFE) der Universität Leipzig und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologiehat hat Folgendes gezeigt: Kinder, die miteinander spielen, sind eher bereit zu teilen, als andere. Sie teilen aber nicht nur mit ihren Spielpartnern lieber, sondern grundsätzlich mit anderen Kindern.

Professor Andrew Przybylski von der University of Oxford wiederum hat den Einfluss von Computerspilen auf psychologische Anpassungsfähigkeit von Jugendlichen untersucht. Gerade leichtes Gamen, so die Forschungsergebnisse, führte in allen untersuchten Kategorien zu leicht besseren Messwerten als kein Gamen. Jugendliche, die immer wieder mal ein bisschen spielen, weisen also weniger Schwierigkeiten, mehr Kompetenzen und eine höhere Zufriedenheit mit ihrem Leben auf als jene, die keine Videospiele spielen. Przybylski folgert daraus, dass Games, genau wie andere Spiele auch, positive Auswirkungen auf die Ausbildung einer Identität sowie auf die kognitive und soziale Entwicklung haben.

Leonard Reinecke, Sabine Trepte und Wiebke Maaß von der Universität Hamburg und der Hamburg Media School haben wiederum untersucht, ob das oft zitierte Vorurteil des vereinsamten Computerspielers tragbar ist. Heraus kam das Gegenteil. So berichteten die Forscher von beobachteten Prozessen,

„… die so manches Pauschalurteil von Isolation und Einsamkeit des Spielers vor seinem Bildschirm relativieren: Wer sich zu „Counterstrike“ oder „Call of Duty“, „Starcraft“ oder der Fußball-Simulation „FIFA 10“ vor den Schirm setzt, organisiert sich nicht selten wie in einem Sportverein zu Mannschaften […], trifft auf ein oft großes Heer von Gleichgesinnten, die sich im virtuellen Raum und manchmal auch im wirklichen Leben treffen. Und knüpft soziale Netzwerke, die über den Wettkampf hinaus auch Unterstützung und persönlichen Kontakt gewähren können.“

„Ein deutlicher Zusammenhang ergab sich zwischen dem Gefühl, in der Gruppe bei Bedarf Unterstützung finden zu können, und der tatsächlich erlebten Unterstützung im sozialen Umfeld des Spielers […]. Wer in seiner Alltagsumgebung soziale Skills zeigt, der erlebt auch Gemeinschaft und Geborgenheit in seinem Computerspiel-Clan. […]“

Vieles, wenn nicht alles, spricht also dafür, dass Spiele und darunter eben auch Videospiele, zu einer gesunden sozial-emotionalen Entwicklung beitragen. Außerdem fördern sie auch unter Erwachsenen noch das soziale Miteinander und sind in der Lage, einem immer wieder aufs Neue Spannende Dinge über sich selbst, die Welt und die Mitmenschen beizubringen.