Ohne viel Tam-Tam hatte Sony das PS4-Exklusive Erica im Store veröffentlicht. Für einen schmalen Preis von 9,99 Euro kann das interaktive Film-Highlight als Download aus dem Store erworben werden. Wir haben den mysteriösen Thriller mehr als einmal gespielt.

Ersteindruck
Ein interaktiver Film

In den vergangenen zehn Jahren zeichnet sich immer wieder ein deutlicher Trend in der Videospielwelt ab. Es genügt nicht nur, dass sich ein Game gut spielen muss, auch eine packende Story soll es zu erzählen wissen. Die Grenze zwischen Spiel und Film verschwimmt immer mehr. Wobei Gameplay und Story auch längst nicht mehr getrennt voneinander ablaufen. Vielmehr suchen die Entwickler immer ausgefeiltere Wege, um beide Elemente möglichst fließend miteinander zu verweben. So auch die Entwicklerschmiede Flavourworks, die zusammen mit Sony den interaktiven Mysterie-Thriller Erica veröffentlicht haben.

Erica ist innerlich zerrissen und traut niemanden über den Weg.

Spiele, die den Fokus auf eine cineastische Erzählweise legen, gibt es bereits eine ganze Menge. Auch schon lange bevor dieser Trend mit der Veröffentlichung von Heavy Rain im Jahr 2010 wieder deutlich angetrieben wurde. Erica geht dabei noch einen Schritt weiter und präsentiert sich mit real abgedrehten Filmszenen. Auch dieses Konzept ist nicht neu und erlebte bereits in den 1990er Jahren eine kurze Boom-Phase. Am ehesten lässt sich Erica daher mit dem interaktiven Filmkonzept von Black Mirror: Bandersnatch vergleichen, das im Frühjahr 2019 auf Netflix premiere feierte.

Wie Entwickler Flavourworks betont, kamen für Erica ganz neue Techniken zum Einsatz, die es ermöglicht haben, Spiel und Film so fließend wie noch nie miteinander zu verbinden. Die Abschnitte, in denen wir die Geschichte verfolgen und die Abschnitte, in denen wir eigene Entscheidungen treffen, sollen dabei stets ineinandergreifen und wie aus einem Guss wirken. Über fünf Jahre hat Flavourworks an Erica gearbeitet und gefeilt.

Die Geschichte findet in Ericas Kindheit ihren Anfang. Sie hat ein inniges Verhältnis zu ihrem Vater. Besonders, seitdem ihre Mutter spurlos verschwunden ist. Ihr Vater ist ein angesehener Psychologe und Arzt im Delphi-Haus, einem Institut, das mit eigens entwickelten Therapiemethoden seelische Leiden heilen möchte. Doch eines nachts wird das Leben der jungen Erica aus den Fugen gehoben. Sie findet ihren Vater ermordet im Wohnzimmer. Ein seltsames Symbol ist in seine Brust geschnitten. Es wird sich von nun an tief in die Erinnerungen des kleinen Mädchens ritzen. Der Mörder ihres Vaters steht noch in der Tür und richtet eine Waffe auf Erica. Gleich darauf verschwindet die vermummte Gestalt und Erica bleibt allein zurück.

Erica erhält ein grausiges Paket, in dem sich eine abgetrennte Hand und ein rätselhaftes Symbol befinden.

Auch als junge Frau wird Erica von den Bildern jener Nacht verfolgt. Viele Jahre sind seitdem vergangen und eigentlich wäre das ein Anlass, die traumatischen Erlebnisse hinter sich zu lassen, doch dann erhält sie ein geheimnisvolles Paket, in dem sich eine abgetrennte Hand und ein Symbol befinden. Das gleiche Symbol wie in jener Nacht…

Das ist die Ausgangsgeschichte des Abenteuers von Erica und mehr möchten wir euch nicht verraten.


Gameplay
Ein Wisch mit dem Finger

Ganz passiv handeln wir als Spieler dabei nicht. Immer wieder werden kleine Handgriffe und Nebenaufgaben eingestreut. Wenn wir zum Beispiel einen Koffer öffnen, Schubladen aufziehen oder eine Schallplatte auf den Spieler legen. Als Eingabemethode fungiert dabei entweder das Touchpad unseres Dualshock-Controllers oder aber über ein Smartphone. Hierfür lässt sich die Erica-App kostenlos herunterladen. Eine traditionelle Steuerung über die Tasten unseres Controllers gibt es übrigens nicht. Egal ob nun Controller-Touchpad oder Smartphone – beide Bedienmöglichkeiten funktionieren aber absolut einwandfrei. Wer die Wahl hat, dem empfehlen wir allerdings die Steuerung über das Smartphone, ganz einfach, weil so ein Smartphone-Display ausreichend groß ist und unser Finger mehr Raum für die Gesten hat.

Es bleibt dabei nicht nur bei einfachen Handgriffen, auch wie wir in Dialogen reagieren, wird darüber gesteuert. Schade ist allerdings nur, dass wir die Dialogoptionen ausschließlich in kurzen Worten angezeigt bekommen. Auf diese Weise ist der Inhalt, den Erica anschließend von sich gibt, nie ganz klar. Entscheidungen dürfen wir auch treffen. Beispielsweise ob wir unsere Wohnungstür abschließen oder öffnen, ob wir an ein läutendes Telefon gehen oder lieber ein Büro nach Spuren erkunden.

Wie soll Erica antworten? Wir entscheiden!

Dabei ist es unmöglich, in einem Spieldurchlauf alle Wendungen und Möglichkeiten auszuschöpfen, sowie der Story alle Geheimnisse zu entlocken. Dies ist gleichzeitig die größte Stärke und Schwäche des Spiels. Denn obwohl wir zahlreiche Freiheiten bekommen, die Geschichte zu beeinflussen, bleiben dennoch am Ende des Spiels so viele offenen Fragen übrig. „Das liegt sicher nur daran, dass wir die Story ein weiteres Mal durchspielen müssen – nur so lassen sich wichtige Handlungslücken schließen“, denken wir uns nach kurzer Einschätzung. Doch leider stimmt das nicht ganz. Selbst nach sechs Durchläufen, in denen wir uns immer anders entschieden hatten, bleiben wir über viele Dinge im Dunkeln. Die Schauspieler machen ihre Sache die meiste Zeit gut und liefern eine glaubwürdige Vorstellung ab. Doch wirklich mitfiebern oder kennen lernen können wir die Charaktere nicht, da das die nur etwa zweistündige Story nicht zulässt und an einigen Stellen sehr gehetzt wirkt. So als müsse sie diesen Schauplatz und jene Szene noch schnell abarbeiten.

Dabei passiert es uns mehr als einmal, dass sich Protagonistin Erica nach einer Szene plötzlich an einem ganz anderen Schauplatz befindet und uns zuerst nicht ganz klar ist, warum. Viele wichtige Dialoge gehen einfach unter und die Motive der Charaktere werden nicht ganz klar. Das Finale der Story kommt dann fast schon abrupt und verpufft dann nach dem Abspann gleich wieder. Insgesamt sechs Hauptenden bietet das Spiel, die sich erfreulicherweise deutlich voneinander unterscheiden und doch lassen sie uns allesamt ratlos zurück, da die Story stets unfertig und insgesamt zu oberflächlich wirkt.


Grafik & Sound
Potential nie ganz ausgeschöpft

Grafisch ist Erica ein echter Sonderfall, da es sich keiner poligonbasierten Grafiken eines traditionellen Spiels bedient. Es sind reale Filmszenen, die allerdings mit einer sehr hochauflösenden Bildqualität positiv auffallen und auch sonst macht die Produktion der Filmszenen einen hochwertigen Eindruck. Nur die Schauspieler reden in einigen Szenen auf merkwürdige Art und Weise aneinander vorbei. Wir vermuten, das könnte daran liegen, dass die Schauspieler ihre Szenen oft getrennt voneinander eingespielt haben. In der Nachproduktion hat man sie dann digital zusammengefügt. Die deutsche Synchronisation ist weitestgehend gelungen, erlaubt sich aber bei den Texten einige Patzer. Wenn wir etwa bei einer Szene die Möglichkeit bekommen unser Gegenüber zu schlagen, übersetzt die deutsche Version das englische Wort „Slap“ in das deutsche Wort „Ausrasten“.

Chefarzt Dr. Flowers möchte Erica helfen.

Der Soundtrack stammt vom berühmten Spielekomponisten Austin Wintory, der sich vor allem mit dem Soundtrack zu Journey einen Namen gemacht hat. Im Spiel selbst kommen seine komponierten Klänge kaum zum Tragen und die Entwickler verschenken das Potenzial des Soundtracks von Wintory.


Umfang
Ein knappes Abenteuer

Wie bereits erwähnt, bietet Erica pro Spieldurchgang knapp zwei Stunden an Spielzeit und sechs mögliche Enden. Ein Spiel, dass so stark auf Entscheidungsfreiheiten ausgelegt ist, lädt den Spieler geradezu ein, es mehrmals durchzuspielen, doch auch da zeigt Erica abermals deutliche Schwächen. Zum einen gestaltet sich das Erleben aller Enden eher als mühsehlich. Das Spiel bietet keinerlei Kapitelauswahl und mehrere Savegames dürfen wir auch nicht anlegen. Das bedeutet, dass wir den Spieldurchgang immer wieder von vorn bis hinten spielen müssen. Treffen wir eine unerwünschte Entscheidung, müssen wir damit leben, denn das Spiel speichert im Hintergrund sofort jeden Fortschritt ab.

Die sechs verschiedenen Enden unterscheiden sich voneinander und es war spannend mit anzusehen, welchen Ausgang die Story um Erica haben kann, doch der Weg dorthin, also der gesamte Storyverlauf bis zum abschließenden Finale, unterscheidet sich eindeutig zu wenig voneinander. Egal welchen Weg wir einschlagen und welche Entscheidungen wir im Vorfeld treffen. Letztendlich begegnen wir immer wieder Schlüsselpunkte der Handlung, die immer wieder genauso eintreffen. Die vielgepriesene Entscheidungsfreiheit ist dann doch mehr ein Papiertiger und schafft es nicht, die Vielfalt und Konsequenz eines Detroit Become Human zu erreichen.

Erica ist ratlos. Wer ist der Mörder ihres Vaters und was hat das alles mit ihr zu tun?

Fazit
Ein ambitioniertes Spiel mit verschenkten Möglichkeiten

3 von 5 Sterne ganz okay blauZum schmalen Preis von 9,99 Euro ist Erica durchaus wert, einmal erlebt zu werden. Vielleicht auch ein zweites Mal. Doch mehr leider nicht. Schade, denn Entwickler Flavourworks verfolgen mit ihrem ambitionierten Thriller viele gute Ideen, die aber nie auch nur annähernd ausgeschöpft werden. Besonders der fließende Übergang zwischen den Steuerungsmechaniken und den Szenen ist sehr toll gelungen und auch die Produktion der Filmszenen wirkt hochwertig und die Schauspieler gut besetzt, doch kommt Erica zu keiner Zeit über das Mittelmaß hinaus. Dafür ist das Drehbuch einfach zu gehetzt und oberflächlich. Es lässt einfach keinen bleibenden Eindruck seiner Protagonisten zu.

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