Bild: Frontier Developments

[ TEST ] F1 Manager 2022 – Zum Siegen verdammt, in die Arbeitslosigkeit getrieben

Nun endlich, nach so vielen Jahren, ja schon Jahrzehnten bringt uns der Entwickler Frontier Developments die offiziell lizenzierte Formel 1-Management-Simulation F1 Manager 2022. Da wir einst mit Spielen wie dem Microprose Grand Prix Manager, einem Pole Position von Ascaron oder gar dem F1 Manager Professional von Software 2000 groß geworden sind, sind wir natürlich sehr gespannt, ob der neue Manager uns mitten in das heutige Geschehen der Formel 1 ziehen kann. Letztendlich konnten wir damals noch einen Gerhard Berger oder gar Mika Salo zur Weltmeisterschaft führen, wobei ein Heinz-Harald Frentzen auch immer mit gut dabei war.

Pünktlich zum Großen Preis von Belgien in Spa am vergangenen Wochenende startete die Early-Access-Phase und das große „Organisieren“ eines Teams begann für uns auf der PlayStation 5. Wer mag, kann auch gerne auf PC oder der Xbox das Spiel in Augenschein nehmen. Glorreiche Erinnerungen an die Zeit vor gut 20 Jahren haben wir noch und wer gerne zudem noch Formel 1 Boliden über die Strecke donnern wollte, konnte mit der Formel 1-Serie von Codemasters nicht nur Rennen gewinnen, sondern auch im My Team Modus ein ganzes Team managen.

Ersteindruck

Stark überladen und unübersichtlich

Leider können wir nur bestehende Teams übernehmen und kein eigenes gründen.

Wer den F1 Manager 2022 das erste Mal startet, wird mit einem imposanten Intro in die große Welt der Formel 1 gesogen. Letztendlich landet man in einem Menü, welches einem den Namen eingeben lässt und vor die Wahl der vorhandenen 10 Teams stellt. Schon hier kommt bei uns die Frage auf: Warum können wir uns kein eigenes Team gründen und aufbauen? Auch setzt man uns vor die fertigen Konfigurationen der Teams, da wir weder Fahrer noch Motoren oder Sponsor auswählen können. Wir müssen somit gezwungenermaßen im Formel 1 Zug Platz nehmen und mit dem leben, was es gerade so gibt. Alles zudem noch gut 2 Wochen vor dem ersten Rennen. Was können wir noch verändern?

Wir entschieden und für das Williams Team, da wir an die glorreichen Zeiten der 90er Jahre anknüpfen zu wollen. Eine Herausforderung, die kein leichter Weg wird. Immerhin ist das aber der Weg, der sich am besten mit dem eigenen Team von unten nach oben kämpfen verbinden lässt. Dazu steht uns eine nette Dame zur Seite, die uns anfänglich die unzähligen und unübersichtlichen Fenster erklärt, was wir wo irgendwie regeln und managen können. Uns wirkt das alles stark überladen und damit verliert man auch gerne die Übersicht – So kann man natürlich kein Team zum sportlichen Erfolg führen!

Der Startbildschirm gestaltet sich noch übersichtlich.

Gameplay

Klick-and-Point im Fenstermodus

Der Entwickler Frontier Developments setzte beim F1 Manager 2022 auf das bekannte Fenster-Prinzip, wie wir es zu gut aus dem Menü eines EA Sports Fifa kennen. Viele Informationen, viele schicke Bilder, wenige Interaktionen, reichlich Informationen und Hintergrundwissen, überladen schick mit weiteren Unterpunkten und alles ganz nett, mit einem Reiter für alles am unteren Bildschirmrand. Mit der passenden Schriftform und einer Farbgebung wird das offizielle Erscheinungsbild der Formel 1 dargestellt, die sich aber wohl nur am Bildschirm abspielt. Das gute Mittendrin und vor allem Dabei-Gefühl will nicht aufkommen. Verhandlungen mit dem Personal werden stupide über den Fenstermodus abgespult, wie wir es aus einem F1 22 her kennen.

Wozu gibt es ein Vorstandzimmer, wenn eh nie einer da ist?

Um es einmal näher auf den Punkt zu bringen: F1 Manager 2022 ist offiziell eine ganz offizielle Präsentation der offiziellen Formel 1. Hier wird aber mehr auf das Offizielle gesetzt, statt auf das Gefühl, wir sind ein Manager in der Formel 1. Bilder von Fahrern am Verhandlungstisch gibt es nicht, ebenso wenig wie wir einen Blick in die Entwicklungsabteilung werfen können oder wissen, wie sich der Wagen im Windkanal schlägt. Da kann ein Codemasters F1 2019 schon mehr zeigen. Das hier läuft alles auf dem Papier ab, wo uns Daten, Zahlen und unbegreifliche Fakten geliefert werden. Dass etwas weniger hier mehr sein könnte, zählt leider nicht. Wir sehen weder unsere Fabrik, wie nun unsere getätigten Investitionen sich optisch machen, noch können wir durch das Fahrerlager wandern und in eines der Motorhomes Platz nehmen. Nichts mit schicken Glaspalästen oder gar riesigen Businessräumen. Vom Gameplay her lässt sich das zwar ausbauen, aber das war es dann schon.

Das Gameplay ist zum größten Teil sehr unüberlegt und verstrickt aufgebaut, nur um einen in gewisser Form zu beschäftigen. Was sind wir indessen eigentlich? Der Manager eines Formel 1 Teams, der Teamchef oder der Depp, der eigentlich alles machen muss? Wozu haben wir Designer, Ingenieure oder gleich zwei Rennleiter eingestellt, wenn selbst wir die Rennstrategie festlegen müssen und sagen müssen, dass im Regen die Regenreifen aufzuziehen sind. Da können wir doch glatt beide Rennleiter feuern! Spart Geld und der Vorstand freut sich. Es ist nicht ganz klar, welche Rolle wir spielen, was unsere Aufgabe ist und welche Aufgaben das Personal übernimmt. Kann doch nicht sein, dass wir verschlissene Getriebe und Motoren wechseln müssen und überhaupt keine Verhandlungen mit Sponsoren führen können. Was managen wir eigentlich?

Laut dem Bild sind alle wohl schon im Feierabend – Hier arbeitet einfach niemand.

Wir sind doch die Person, die weiteres Personal einstellt, Scouts rauschickt, um besseres Personal zu gewinnen. Mit diesem Team können wir dann den Rennstall ausbauen, die Firma erweitern, bessere Fahrer gewinnen oder junge Fahrer ausbilden. Wir sind doch der Manager, der eigentlich sich nur um die Kohle kümmert, Sponsoren gewinnt, eventuell das Fahrzeugdesign absegnet und die Entwicklung in gewisser Weise vorantreibt – Aber wir können nicht alles machen, auch wenn viele Gamer vielleicht gerade das machen wollen. Wir übernehmen hier einfach alle Aufgaben, können überall mitmischen, auch wenn es viele Punkte gibt, die wir einfach vermissen. Manche nennen das Beschäftigungstherapie. Hauptsache man kann interagieren in einem Spiel und die Zeit läuft ab, denn zwischen den einzelnen Renne gibt es nicht viel zu managen.

Grafik, Sound & Technik

Auf der PS5 zu verwaschen

Wie schon angesprochen, sieht alles verdammt nach dem aktuellen Formel 1 Zirkus aus, so wie wir es aus dem Fernsehen kennen. Das Erscheinungsbild passt, aber das Thema Schärfe und in einer gewissen Weise die Auflösung scheint uns doch eher von der Playstation 5 auf die PlayStation 4 von 2013 zu teleportieren. Es wirkt alles mit Abstand zum Fernseher sehr schick, aber blass und unscharf. An ein aktuelles F1 22 von EA Sports und Codemasters reicht selbst die TV-Kamera im Rennmodus nicht heran. Hier wird ruckartig abgebremst, was immense Zeit kostet oder gar richtig Zickzack gefahren. Dass das mal keine Strafen gibt, wundert uns dann auch nicht mehr, denn auch der Kommentator ist wohl schlichtweg ein Graus. Wer ist das überhaupt? Der schreit hier aus dem Bildschirm, dazu noch fast eine Runde zu spät und will krampfhaft Atmosphäre aufbauen.

Lieblose Darstellung unserer Firma

Über die Grafik lässt sich sicherlich noch streiten, immerhin ist das nur! ein Managerspiel. Beim Sound möge man auch kein Headset benutzen, auch wenn zugleich die musikalische Untermalung sehr angenehm ist. Aber die immer gleichen Animationen und Freudentänze, selbst dann, wenn wir als letzter ins Ziel kommen. Da mag man jedes Mal die Hand auf die Stirn klatschen. Es lässt sich nicht verstecken, dass der Entwickler Frontier Developments sich hier an eine Sache gewagt hat, die in einer ganz anderen Liga spielt. Bisher hat es nur für eine Roller-Coaster oder Jurassic World Evolution gereicht. Aber das hier ist die Formel 1 und nicht die Formel Ford irgendwo auf den britischen Inseln. Technisch betrachtet wird einmal mehr deutlich, dass eine Lizenz noch kein gutes Spiel macht.

Alle Menüs bietet viel zu wenige oder gar keine Animationen. Knochentrockenes Gameplay.

Umfang & Langzeitmotivation

Taktik ohne den Circle Of Doom

Kommen wir aber zur Frage und dem Angebot, was nun alles geboten wird, wie wir bei Stange gehalten oder jetzt direkt darüber nachdenken zu wollen, welche Position wir nun im Team vertreten.

Primitivität steht an erster Stelle und wird mit Zahlen aufgepäppelt.

So bietet sich uns die komplette Übersicht zum Team, ein E-Mail-Postfach, ein Rennkalender, die Rennen selbst, die Autos mit ihren Entwicklungen und Ausbaustufen, die zugehörigen Fahrer und das Personal, die Einrichtungen, der Vorstand, Finanzen und natürlich die Rangliste – Das war jetzt einmal durch den Reiter gefahren. Alle Punkte haben natürlich passende Untermenüs, die sich auch gerne mal kreuzen. Einige Untermenüs verstehen sich von selbst, aber bei einigen wird es schon sehr trist. Dazu zählt sicherlich die Designabteilung, um neue und bessere Teile an das Auto bringen zu können. Hier geht es uns eindeutig zu oberflächlich zu. Ein Chassis, Front- und Heckflügel, Unterboden, Seitenkästen, Radaufhängung. Selbiges zeigt sich beim Motor, der nur aus sich selbst, dem Getriebe und ERS besteht. Hier hätten die Entwickler einfach mal in das Formel 1 Spiel von Codemasters schauen müssen, damit sie erkennen, dass es ruhig detailliertere Komponenten hätte geben können. Wie wäre es mit einem Turbo, MGU, dreiteiligen Frontflügel, Nase, Diffusor, Auspuff, Sitze und Lenkräder? Egal ist uns dieser Baukasten dann doch nicht. Wir hätten uns viel mehr gewünscht, statt dieses prozentualen Zahlenhaufens auf der rechten Seite, den so kein Gamer kapiert.

Ohne Circle Of Doom macht das alles keinen Sinn.

Im Rennen sieht es dann leider nicht besser aus. Immer noch ahnungslos wozu wir einen Rennleiter haben, kümmern wir und um die Boxenstrategie, treiben unsere Fahrer an und lassen den Teamkollegen vorbeiziehen. Jeder, aber nun wirklich jeder der ein sky-Abo hat und dort die Formel 1 schaut, kennt den berühmten „Circle Of Doom“, damit zur richtigen Zeit der beste Boxenstopp auch einen Platzgewinn bringt. Hier? Hier fehlt er komplett und verdeutlicht, dass der Entwickler sich mehr mit dem Sport hätte beschäftigen müssen. Wir wollen taktieren, wir wollen managen, wir wollen siegen und uns Genie nennen!

Fazit

Nur ein Spiel mit offizieller Lizenz

Mit dem F1 Manager 2022 liefert uns Frontier Developments ein Spiel ab, von dem man locker die Finger lassen kann, weil es nicht den Ansprüchen gerecht wird. Wir wollen nicht nur beschäftigt werden, wir wollen Verhandlungen mit Sponsoren führen, Tassen und Schals mit unserem Logo bedrucken und verkaufen, wir wollen auch mal was Gewagtes entwickeln und nicht nur das 6. Teil in Folge vom Teil 1. Das ist alles viel zu oberflächlich, einfach gestrickt, ohne ins gewisse Detail zu gehen, wie es die Urväter aus den 90er Jahren schon taten. Es fehlen auch entscheidende Elemente, um das Team mit Geschick und Können im Rennen nach vorne zu bringen. Es präsentiert nur die Formel 1, aber niemals das, was im Grunde im Hintergrund gemanagt wird. Das Konzept hier reicht einfach nicht für den härtesten Motorsport der Welt! In dem aktuellen Formel 1 Renn-Spiel mit offizieller Lizenz können wir intensiver managen und entwickeln, als es hier geboten wird. Wir können keine Empfehlung aussprechen, denn bevor wir hier Manager werden, machen wir eher auf Arbeitslos.

Viktor Kaczmarek
Seit Anbeginn der Datasette von Computergames begeistert. Spielt alles was sich bewegt und für Atmosphäre sorgt. Nimmt gerne Peripherie unter die Lupe und auch auseinander, es bleiben immer Schrauben übrig. Germany 48.406558, 9.791973
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