Spiele Test

[ TEST ] Fishing Barents Sea – Eine Seefahrt, die ist nicht lustig

Im Februar 2018 brachte der norwegische Entwickler aus Stavanger, Misc Games, das Spiel Fishing Barents Sea für den PC. Im Dezember 2019 erfolgte der Release der Complete Edition für die Nintendo Switch, Xbox One und PlayStation 4. Die Complete Edition enthält die bisher erschienenen Erweiterungen der Leinen- und Netzfischerschiffe und bietet die Möglichkeit des Königskrabbenfischens. Schon auf der gamescom 2019 erhielten wir vom Entwickler tiefgreifende Einblicke in die Konsolen-Edition, denn Fishing Barents Sea entführt uns in das nördlich von Norwegen gelegene Hammerfest, um in das virtuelle Leben der industriellen Hochseefischerei eintauchen zu können. Wir haben uns hinter das Ruder einer PlayStation 4 Pro geklemmt und unser Glück als Fischer versucht.

Fishing Barents Sea benötigt auf der PlayStation 4 Pro in der Version 1.00 nur 4,37 GB. Für unsere Testzwecke verwendeten wir ein Samsung 4K/ HDR Fernseher und einen BenQ 4K/ HDR Monitor. Beim Audio kam das Sennheiser GSP670 Headset sowie eine Heimkinoanlage von Yamaha zum Einsatz. Beim Controller griffen wir zum Standard-Dualshock 4.

Ersteindruck 

Ein Erbe antreten

Sehr einfach und fast schon unspektakulär wirft uns Misc Games in das Spiel: So finden wir uns in einem Bootshaus wieder, welches zugleich das übersichtliche Hauptmenü präsentiert. Viel gibt es hier nicht zu sehen und ohne große Umschweife starten wir eine neue Karriere. Diese erzählt uns von unserem Erbe, einem alten und schwerfälligen Holzfischerkutter, den uns unser Großvater hinterlassen hat. Dieser Kutter ist wirklich alt und Farbe fehlt nicht nur in allen Ecken und Kanten, sondern sprichwörtlich überall. Dass diese „Nussschale“ überhaupt noch schwimmt, gleicht einem Wunder. Trotz seinen Alters können wir auf ein Radar, ein Fisch-Sonar und eine Laderaumüberwachung zurückgreifen. Da wir eigentlich keine Ahnung vom Fischen haben und bisher auf der PlayStation 4 nur hin und wieder mal eine Angelrute ausgeworfen haben, zeigt uns das norwegische Entwicklerteam in einem einführenden Tutorial alles was wir wissen müssen. Zudem können wir jederzeit auf eine „spielinternes Wikipedia“ zurückgreifen und alles nachlesen.

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen und ganz ohne Schwimmweste treten wir unsere erste Fahrt auf die offene Barentssee an. Mit schleichenden 4 Knoten schneidet der Bug durch die Wellen und lässt unser Boot mächtig ins Schaukeln kommen. Dank einer übersichtlichen Karte, die per Touchpad zu erreichen ist, sehen wir auch wo die großen und ertragreichen Fanggebiete liegen. So weit müssen wir uns gar nicht von der Küste wegbewegen.


Gameplay 

Aller Anfang ist schwer

Obwohl wir in dem anfänglichen Tutorial die ersten Handgriffe der Spielmechanik erläutert bekommen, ist dennoch der eigene Grips gefragt. Hier und da mal eine Taste drücken und ausprobieren, half uns den kompletten Ablauf erfolgreich zu absolvieren. Das ist alles aber weniger tragisch, da sich das Boot fast wie ein Traktor im bekannten Farming-Simulator steuert. So können wir nicht nur in der Außenansicht unsere Nussschale über die Barentssee steuern, sondern auch in der Brückenansicht. Die Leinen werfen sich fast von alleine über Bord und auch der Rest geht mit der Zeit gut von der Hand. Doch aller Anfang ist schwer: Wer hier glaubt gleich im ersten Anlauf den großen Fang zu machen, den müssen wir enttäuschen. Tag und Nacht fahren wir zu See um unser Konto mit norwegischen Kronen auffüllen zu können. Rechnen wir unseren Fang zum aktuellen Kurs von 10: 1 um, so bringt uns unsere erste Ladung Fisch gerade einmal 500 Euro ein. Es dauert also seine Zeit bis wir uns größere Leinen leisten können und der Traum von einem größeren und schnelleren Fischerboot ist in weitere Ferne gerückt.

Die Karte entspricht der wahren Barentssee

Das Spiel Fishing Barents Sea bietet uns zahlreiche Boote, Kähne und auch Schiffe. Diese sind auch für die unterschiedlichen Fangarten ausgelegt und kosten anfänglich ein Schweinegeld. Damit wir aber nicht gleich absaufen, können wir im Hafen von Hammerfest Opas Kutter mit einem stärkeren Motor ausrüsten und auch unsere Lagerräume erweitern. So geben wir unser Geld nicht nur für Köder oder längere Leinen aus, denn ein gutes neues und scharfes Messer macht sich für das Ausnehmen der Fische bestimmt auch besser. So fahren wir erneut raus auf die See um unsere „Ernte“ einfahren zu können, holen die Fangleinen ein und nehmen den Fisch aus. Dabei ist auch immer unser Geschick gefragt, denn so einfach wie wir uns das gedacht haben, ist es nicht. Es erinnert ein wenig an die alten Computerspiele-Tage: Im richtigen Zeitpunkt müssen wir eine Taste drücken um nicht nur den Fisch an Bord zu bekommen, sondern können auf diese Art auch unsere Quote erhöhen. Dann müssen wir gezielt den Cursor auf einer Linie entlang bewegen, um die besten Filetstücke hervorzubringen. So stechen wir uns hin und wieder in den Daumen und auf hoher See, mit schweren Seegang ist das auch nicht zu empfehlen.

Nach nun einigen Wochen auf See haben wir genügend Geld zusammen um uns einen neuen Fischkutter unser Eigen zu nennen. Die Wahl ist sicherlich nicht gerade vielfältig, aber ausreichend und zudem von namhaften Lizenzen geprägt. Wir haben uns für die „Selfy“ entschieden, da wir nun neben dem Leinenfischen, auch mit Netzen Fische fangen können und uns zudem das Krabbenfangen ermöglicht wird. Dazu müssen wir aber weitere norwegische Kronen in die Hand nehmen und die entsprechende Ausrüstung mitnehmen. Mit unserem neuen Boot wollen wir natürlich unsere Fangquote erhöhen und da wir das alles nicht mehr alleine bewerkstelligen können, heuern wir in einem der vielen Häfen unser erstes Crewmitglied an. Der neue Mitarbeiter kann nun kochen, reparieren, die Leinen und Netze einholen oder gar den Fisch ausnehmen. Das neue Boot bietet uns endlich auch genügend Geschwindigkeit, um mit seinem Radar nicht nur die Karte besser aufdecken zu können, sondern auch die zahlreichen weit entfernten Häfen in der Barentssee anlaufen zu können. Einmal voll getankt, erreichen wir nun auch die eisigen Grenzen der Karte und können dank der integrierten Schnellreise neue Routen eröffnen. Dank der großen Netze sind unsere Erträge größer und spülen weitaus mehr Kronen auf unser Konto, mit dem wir unser Boot besser ausstatten können und in absehbarer Zeit auch ein noch größeres Schiff kaufen können.

Bei all unseren Reisen erkannten wir aber auch, dass das Spiel noch ein wenig Feinschliff benötigt. Das neue Boot „Selfy“ steuert sich ein wenig zu unpräzise und die Bekanntschaft mit der Kaimauer kam uns mehr als einmal teuer zu stehen. Auch fehlt uns die Invertierung der Sticks in den Optionen, so wie eine Personalisierung der einzelnen Tasten. Auch, dass wir nach einem Erwerb eines Schiffes unser altes Boot nicht verkaufen konnten, stört uns ein wenig. Auch ist das Krabbenfangen ein mühseliges „Point-and-Click“, das ohne Crew viel zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Dies haben wir uns letztendlich für eines der großen „DMAX-Beringsee-Fangschiffe“ aufgehoben, die neben dem Schleppnetz- und Grundfischen noch geboten werden.


Grafik, Sound & Technik 

ansehnlich aber kein AAA-Titel 

Fishing: Barents Sea

Misc Games verwendet die 3D-Optik der Unreal Engine 4, die sich im ersten Moment mehr als nur sehen lassen kann. Dank einiger Lizenzen bietet uns Fishing Barents Sea detaillierte Boote und Schiffe und eine 1:1 Umsetzung der norwegischen Barentssee, die wir begeistert mit Google Maps vergleichen konnten. Dank der Implementierung von HDR auf der PlayStation, sehen die Lichteffekte und der Wellengang wunderschön aus, während die Ufer und Küsten mit ihren Häfen sich doch noch etwas einfach gestaltet zeigen. Auch hier fehlt noch ein wenig der Feinschliff um es mit einem Farming-Simulator aufnehmen zu können. Diese kleinen Makel können aber bedenkenlos hingenommen werden, da es der erste Teil einer wohl fortwährenden Serie ist. Es ist schon bemerkenswert wie sich unser Boot mit den Wellen bewegt, der Motor durch die Boxen surrt oder der Wind in unseren Ohren heult. Gravierende Fehler, Abstürze oder gar unschöne Lags und Ladezeiten sind uns zu keiner Zeit aufgefallen. Es läuft alles sehr rund, auch wenn das Wetter fast schon schlagartig umschlägt, ohne einen schleichenden Übergang zu bieten. Bedenken wir einmal, dass es sich hier eigentlich um eher ein kleines Spiel von einem noch kleinen und unbekannten Entwickler handelt, so müssen wir fast unsere Hut ziehen. So was bekommt nicht jeder auf Anhieb hin. Vielleicht bietet die kommenden Generation der Konsolen noch ein wenig mehr, denn immerhin wurde schon Fishing North Atlantic für den PC und Steam angekündigt – mehr Schiffe, mehr Fangmethoden, reale Wellenphysik, verbessertes Wettersystem und eine ganze Menge Feinschliff.


Umfang/ Langzeitmotivation 

mit Suchtfaktor aber ohne Multiplayer

Der Anfang gestaltete sich sehr schwer, denn das gute Geld wollte nicht in Strömen in die Kasse fließen. So haben wir Stunden um Stunden auf See verbracht um uns unsere müden Fischbrötchen zu verdienen. Es dauerte fast schon eine Ewigkeit bis wir selbst die ersten Investitionen in Opas Kutter tätigen konnten. So reibt das Gameplay stark an unseren Nerven, denn pure Aktion wie bei Jack Sparrow gab es dabei nicht zu erleben. Die Tage zogen sich im Spiel eher wie ein altes Seemannslied. Hat man aber einmal diesen gewissen Punkt erreicht und überwunden, an dem wir uns ein neuen Kahn kaufen können und mit dem ersten großen Schiff eine fünfköpfige Crew mit an Bord haben, zeigt sich ein gewisser Suchtfaktor. Den kennen viele bestimmt von Farming Simulator. Nur noch das eine Netz auslegen, nur noch den einen Fang einholen.

Die Crew muss zur Arbeit eingeteilt werden. Jeder kann dabei etwas besonders gut.

Fishing Barents Sea ist eher ein Spiel für ruhige und beschauliche Spielstunden, in dem wir uns den Stress und die Hektik selber machen können. Es liegt an uns, ob wir dauernd einen Fang einfahren oder einfach die Barentssee bereisen. Auch können wir in den vielen Häfen Aufträge annehmen und uns als Transportdienstleister erweisen. Letzteres ist aber wohl nur eine nette Option um ein wenig sein Konto auffüllen zu können. Da stellt uns das Anwerben von Crewmitgliedern eher vor eine Herausforderung, denn je größer unser Schiff wird, umso ausgiebiger wird der ganze Ablauf. Während wir anfänglich noch wie der „Alte Mann und das Meer“ unseren Fisch gefangen und ausgenommen haben, müssen wir ihn später maschinell ausnehmen, einfrieren und stapeln. Das Ausbauen unseres Fischfangkahns ist im Laufe der Zeit auch getätigt und der nächste große Pot steht im Hafen bereit. Kohle im Sinne der norwegischen Kronen steht im späteren Verlauf nicht mehr zur Debatte und häuft sich an. Hier wäre sicherlich der richtige Punkt für einen Multiplayer angesagt, der leider nicht im Spiel vorhanden ist. Dieser würde sicherlich Fishing: Barents Sea, somit dem ganzen Gameplay, nicht nur die norwegische Krone aufsetzen. So tuckern wir weiterhin alleine über die Barentssee.

Wir könnten sicherlich noch mehr Punkte anmerken, die wir uns sehnlichst gewünscht hätten: Lachszucht, Ausbau eines Hafens, optisch personalisierter Farbanstrich für die Boote…


Fazit 

sehr schön aber noch ausbaufähig 

Mit Fishing: Barents Sea entführt uns Misc Games in die Hochseefischerei, bei der wir uns von ganz unten nach oben arbeiten können. Das Gameplay geht trotz Controller gut von der Hand, könnte aber noch etwas Feinschliff und eine Invertierung vertragen. Grafisch sowie im Audiobereich gibt es bei dem Titel wenig zu meckern und kann sogar für diesen einen Moment sorgen – Der untergehenden Sonne auf dem Meer entgegenfahren. Dank den zwei enthaltenen Erweiterungen müssen wir uns nicht nur auf eine Fangart beschränken und können uns im Laufe der Zeit weiteren Herausforderungen stellen. Obwohl wir hier ganz ohne Multiplayer auskommen müssen, kann Fishing: Barents Sea mit der Zeit einen Suchtfaktor hervorbringen, der uns nur noch selten das Land betreten lässt. Die Karte ist authentisch und einfach riesig, das Wetter schlägt schneller um, als uns lieb ist und in unserem warmen Sessel fahren wir zu gerne auch mal an die Eisgrenze. Misc Games hat viel Liebe und Leidenschaft in das Spiel gesteckt, das uns für einen Preis von knapp 30 eine Menge Spielspaß- und stunden bietet. Wer schon immer mal zur See fahren wollte, hier ist es möglich – Schwimmweste nicht vergessen! 

Fishing Barents Sea ist aktuell für 29,99€ nur in den digitalen Stores erhältlich und nicht im Einzelhandel. 

 

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