Bild: Blue Backpack

THE BERLIN APARTMENT IM TEST – Ein Jahrhundert in vier Wänden

The Berlin Apartment lädt uns zu einer introspektiven und tief bewegenden Zeitreise ein.

Kaum betreten wir die alte Altbauwohnung im Herzen Berlins, spüren wir, dass dieser Ort mehr ist als nur ein Haufen Mauern und Böden. Er ist ein lebendiges Archiv menschlicher Geschichten. Wir beginnen die Erzählung in der Gegenwart, in einer Phase des Umbruchs, als wir in die Rolle von Dilara schlüpfen, die ihrem Vater Malik bei der Renovierung der Wohnung hilft. Es ist ein cleverer narrativer Kniff, denn die Sanierung dient nicht nur dem Zweck, die Bausubstanz auf Vordermann zu bringen. Jedes abgetragene Stück Tapete, jeder freigelegte Gegenstand wird zum Schlüssel zu einer Vergangenheit, die darauf wartet, enthüllt zu werden. 

Diese Relikte – ein versteckter Brief, eine verbrannte Dekoration, eine verschollene Kassette – öffnen das Portal zu den Leben früherer Bewohner, die hier über ein ganzes Jahrhundert hinweg gewohnt und geliebt haben.

Schon in den ersten Minuten fesselt uns die dichte Atmosphäre. Wir erleben, wie die Räume, obwohl sie dieselben bleiben, ihre Identität je nach Epoche und Bewohner komplett wandeln. Von der kargen Nachkriegszeit über die Enge der DDR bis hin zur maximalistischen Ästhetik der Achtzigerjahre. 

Das Apartment selbst ist der unbestrittene Hauptdarsteller. Die Neugier, die wir beim Freilegen der Geheimnisse verspüren, treibt uns unaufhaltsam voran. Diese Art des Environmental Storytelling ist meisterhaft umgesetzt; fast jeder Gegenstand in den detaillierten 3D-Umgebungen scheint eine Seele zu besitzen. Wir fühlen uns sofort in die Erzählung hineingezogen und entwickeln rasch eine starke emotionale Bindung zu den stillen Zeugen der Zeit. Der Ersteindruck ist überwältigend und macht sofort klar, dass wir hier keinen gewöhnlichen Walking-Simulator vor uns haben, sondern ein sorgfältig inszeniertes Drama.

Das Gameplay von The Berlin Apartment ist bewusst minimalistisch gehalten, was in diesem stark narrativ getriebenen Abenteuer eine zweischneidige Sache ist. Die Entwickler nutzen das Spielgeschehen nicht, um uns herauszufordern, sondern um die Immersion zu vertiefen. Wir sammeln Gegenstände ein, führen einfache Interaktionen aus oder lösen kleine, thematisch passende Minispiele. Beispielsweise schlagen wir als junge Dilara mit einem Hammer Fliesen von den Wänden, oder wir manövrieren später als Kolja einen Papierflieger durch turbulente Winde, um Nachrichten über die Berliner Mauer zu schicken. 

Diese Momente sind erzählerisch hervorragend eingebunden und fühlen sich bedeutungsvoll an. Die Steuerung und das Spielgefühl passen sich sogar subtil dem jeweiligen Protagonisten an, den wir gerade begleiten. Sei es der schnelle Gang eines Kindes oder die bedächtigere Bewegung eines älteren Herrn.

Doch genau diese Zurückhaltung ist auch ein Kritikpunkt. Zwar sorgt der ständige Wechsel der Erzählperspektiven und der damit verbundenen Minispiele für Abwechslung, doch fallen einige dieser spielerischen Elemente etwas flach oder wiederholen sich in ihrer Mechanik. 

Wenn wir die Habseligkeiten eines Charakters in Tetris-Manier in einen Koffer packen, ist das anfangs unterhaltsam, kann sich aber auf Dauer etwas ziehen. Das Gameplay dient ganz klar der Geschichte und nicht umgekehrt, und dies ist eine bewusste Design-Entscheidung. Spieler, die eine ständige Herausforderung oder komplexe Rätsel suchen, könnten enttäuscht sein, da die kurzen Episoden (die gesamte Spielzeit beträgt nur etwa fünf Stunden) primär auf die emotionale Wirkung abzielen. 

Die spielerische Ebene ist eine ruhige Begleitung der tiefgründigen Handlung, was wir insgesamt begrüßen, auch wenn wir uns an manchen Stellen etwas mehr Interaktionstiefe gewünscht hätten. Trotz der kurzen Dauer und des zurückhaltenden Gameplays schaffen es die individuellen Episoden, uns immer wieder mit einzigartigen, manchmal überraschenden Wendungen zu fesseln.

Visuell setzt The Berlin Apartment auf einen wunderschönen und erfrischenden Cartoon-Look. Die Grafiken sind farbenfroh, wirken aber nie überladen. Die detaillierten 3D-Umgebungen strotzen nur so vor liebevollen Details. Jeder Raum, den wir betreten, spiegelt die Epoche und die Persönlichkeit seines Bewohners wider.

 Besonders hervorzuheben ist das Design der Wohnung von Josef, dessen maximalistischer, Vintage-Stil so lebendig ist, dass er fast wie ein Kunstwerk wirkt. Diese Ästhetik trägt maßgeblich zur emotionalen Resonanz bei und lässt uns die unterschiedlichen Lebensrealitäten unmittelbar spüren. Das Spiel beweist, dass eine starke visuelle Identität ohne hyperrealistische Grafik möglich ist, solange die Liebe zum Detail stimmt.

Akustisch ist das Spiel eher minimalistisch gehalten. Der Soundtrack hält sich dezent im Hintergrund, konzentriert sich auf Umgebungsgeräusche und gelegentliche sanfte Melodien, die die Stimmung der jeweiligen Episode gut untermalen. 

Die wahre Stärke in der akustischen Präsentation liegt jedoch in der deutschen Sprachausgabe. Hier merken wir sofort, dass ein deutsches Studio hinter der Produktion steckt. Die Charaktere sind hervorragend und glaubwürdig vertont, was den emotionalen Tiefgang der persönlichen Geschichten immens verstärkt.

Es fühlt sich sehr intim an, den Erinnerungen und Dialogen der Bewohner zu lauschen. Glücklicherweise lief das Spiel auf der PS5-Version, die wir getestet haben, stabil und machte seine Stärken in Optik und Klang voll geltend. Wir stießen auf keine der technischen Probleme und konnten die Erfahrung ohne Einschränkungen genießen.

The Berlin Apartment ist in erster Linie eine Hommage an die Kraft der Erzählung. Das Spiel ist eine bewegende Zeitkapsel, die es meisterhaft versteht, das Große (die Geschichte Berlins und Deutschlands) im Kleinen (den vier Wänden einer einzigen Wohnung) widerzuspiegeln. 

Wir begleiten Schicksale, die von Freude, Verzweiflung und dem Kampf um die Freiheit zeugen. Von Josefs Flucht vor den Nazis bis zu den Herausforderungen im geteilten Berlin. Die Fähigkeit des Spiels, diese unterschiedlichen, aber miteinander verwobenen Lebenswege glaubwürdig und emotional aufzubereiten, ist beeindruckend.

?Die Kritikpunkte, wie das zeitweise repetitive Gameplay, sind zwar vorhanden, verblassen aber angesichts des starken Story-Fokus und der packenden Präsentation. 

Das Apartment selbst wird zum stillen Zeugen eines ganzen Jahrhunderts, und jede kleine Entdeckung ist eine lohnende Belohnung. Für Spieler, die narrative Abenteuer im Stil von What remains of Edith Finch oder Unpacking schätzen und die bereit sind, das gemächliche Tempo sowie die einfache Spielmechanik zu akzeptieren, ist The Berlin Apartment eine absolute Empfehlung. 

Wir können diesen Titel für die PS5 jedem ans Herz legen, der ein Spiel sucht, das Herz und Geist gleichermaßen berührt.

The Berlin Apartment ist ab sofort für PS5, PC und Xbox Series S/X erhältlich.

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