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[ TEST ] FROSTPUNK – Eisige Aufbau-Strategie für Konsolen

Bereits mit This War Of Mine: The Little Ones inzenierten 11 bit Studios ein Aufbau-Strategie-Spiel, welches für viel Wirbel sorgte. Nun erschien ihr zweiter Streich Frostpunk für die Konsolen, und der hat es genau so in sich.

Ersteindruck

Eisige Apokalypse

Wer in diesen Tagen eine Nachrichten-Seite im Web ansteuert, die Zeitung aufschlägt, den Fernseher einschaltet oder das Radio anmacht, stolpert immer wieder über ein Gesprächsthema. Es ist das Thema Nummer 1 unserer Ära und es wird in den nächsten Jahrzehnten unser aller Leben bestimmen: Die Klimaerwärmung. Eine globale Kathastrophe bahnt sich an und wir stecken mittendrin.

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Für die wenigen Überlebenden ist der warme Reaktor die letzte Hoffnung.

Während sich unsere Welt immer weiter aufheizt und Mensch und Natur über immer höhere Durchschnittstemperaturen ächzen, verhält es sich in der Welt von Frostpunk genau umgekehrt, doch nicht weniger dramatisch. Die Temperaturen in Frostpunk fallen immer stärker. Bis bald darauf unendlich scheinende Landstriche in eine lebensfeindliche Eis- und Schneedecke gehüllt sind. Die wenigen verbliebenen Menschen suchen eine sichere und vorallem warme Zuflucht. Ein großer Krater scheint da die erhoffte Rettung zu sein. Zumindest bietet er Schutz vor den eisigen Winden. Im Zentrum des Kraters thront wie ein stählerndes Ungetüm ein Reaktor, der, wenn er mit Kohle gespeist wird, lebensrettende Wärme spendet.


Gameplay

Wärme, eine kostbare Ressource

Und genau an dieser Stelle beginnt unsere Arbeit. Wir sind aus der Gruppe der verbleibenden Menschen das Oberhaupt, der die Anweisungen und Befehle gibt. Aber so eine Führungsposition bringt auch viel Verantwortung mit sich. Wenn wir zu rücksischtlos mit unserem Völkchen umgehen, bekommen wir die Konsequenzen deutlich zu spüren.

Bei einem auf dem PC beheimateten Strategie-Aufbau wie Frostpunk, stellt sich immer erst einmal die kritische Frage, wie gut die Steuerung von der Tastatur auf die Controller der Konsolen übertragen wurde. Das polnische Entwicklerteam hat dahingehend ganze Arbeit geleistet. Alle Tasten des Gamepads mögen zwar voll belegt sein, doch dennoch gestaltet sich die Bedienung als intuitiv und fließend. Das liegt nicht zuletzt an den vorbildlich gestalteten Menus, sondern auch am cleveren Einsatz der Analogsticks und Schultertasten.

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Die Menüs sind übersichtlich gestaltet

Das Herzstück unserer Zuflucht im Krater bildet der Reaktor. Er hat genug Leistung, um im unmittelbaren Umkreis die bittere Kälte zu verdrängen. In dieser wärmenden Schutzzone siedeln sich die Menschen an und auch wir bauen und planen unsere Gebäude stets kreisförmig um den Reaktor herum. Die Krux dabei ist, dass die Wärme mit jedem Meter, den wir uns vom Reaktor wegbewegen, nachlässt. Wer schon einmal an einem kalten Tag an einem Lagerfeuer gesessen hat, kennt das Phänomen. Direkt am Feuer mag es wohlig warm sein, doch nur wenige Schritte entfernt, lässt uns die umliegende Kälte wieder mehr und mehr erzittern. Wir als Oberhaupt bekommen nun die Bürde auferlegt, entscheiden zu müssen, wer näher am Reaktor leben darf und vor der Kälte geschützt ist und wer an den äußeren Rand muss und der Kälte fast schutzlos ausgeliefert ist.

Zwar haben wir im fortlaufenden Spiel die Chance, im umfangreichen Fertigkeitsbaum neue Upgrades freizuschalten, der die Reichweite der Wärmewirkung erhöht, doch die Qual der Wahl bleibt dennoch. Eine funktionierende Gemeinschaft besteht eben nicht nur aus Wohnhäusern, sondern benötigt auch Krankenhäuser, in denen unsere schwachen Mitglieder gesund gepflegt werden. Oder auch eine Küche, in der die Ernährung unserer Gemeinde sichergestellt wird. Bordelle und Arenen lenken vom harten Arbeitsalltag ab und wenn das nicht reicht, bauen wir ein Wirtshaus, in den man seinen Kummer über die Apokalypse im Alkohol ertränken kann. Aber braucht es wirklich ein Bordell oder ein Wirtshaus? Oder halten wir das für eine Verschwendung von Platz und Ressourcen? Das bleibt unsere Entscheidung! Und wir können uns gewiss sein, dass uns Frostpunk mehr als einmal vor die Wahl stellen wird, welche Art von Oberhaupt wir sein möchten. Neben der üblichen Ressourcengewinnung von Holz, Kohle und Stahl, die uns als Grundlage für sämtliche Bauwerke dienen, müssen wir zudem die körperliche und geistige Gesundheit unserer Anwohner im Blick behalten.

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Unsere Siedlung trotzt der Kälte und wächst.

Immer wieder, im Laufe des Spieldurchgangs, sind wir gezwungen, harte Entscheidungen zu treffen, die mitunter stark an unserem ethischen Verständnis kratzen. Sollen wir unsere Arbeiter in 24-Stunden Schichten malochen lassen? Die Produktivität wird dadurch ganz exorbitant gesteigert. Zu Lasten der Gesundheit der Arbeiter. Wenn die Nahrung einmal knapp ist, sollen wir die Suppen dann mit Sägemehl strecken? Und wenn es uns an Arbeitskräften mangelt, sollen wir dann die Erlaubnis zur Kinderarbeit erlassen und unseren Nachwuchs ausbeuten? Frostpunk stellt uns andauernd vor moralischen Dilemmas. Wie auch schon in ihrem viel gefeierten Erstlingswerk This War Of Mine verstehen es die Entwickler, uns Bauchschmerzen zu bereiten. Richtig und falsch verschwimmen immer mehr. Moral und Amoral – was heißt das schon in einer Welt, die am Abgrund steht. Und was passiert eigentlich, wenn der Reaktor ausfällt. Wenn unsere Kohlevorräte zu neige gehen und die wärmende Glut des riesigen Ofens erlicht? Wenn das passiert, wird es ernst. Die Menschen frieren, und wandeln sich zu wütenden Aufständige, die nicht mehr an unsere Fähigkeiten glauben. Sie begehren auf, werden krank und sterben. Jede Minute, die der Reaktor stillsteht, bedeutet für uns den Kontrollverlust über unsere Macht. Doch auch die lässt sich mit Gewalt verteidigen – etwa über Wachtürme. Doch ob wir so weit gehen wollen, bleibt unsere Entscheidung.


Grafik & Sound

Dystopischer Artstyle 

Die Grafik von Frostpunkt besticht weniger durch hohen Detailgrad und vielmehr durch ihren außergewöhnlich atmosphärischen Artstyle. Ezählt wird von einer Welt voller Kälte und harten Lebensbedingungen und genau dies vermag die Grafik auch optisch wiederzugeben.

Wie kleine Ameisen stapfen die Anwohner durch die Landschaft und hinterlassen tiefe Furchen im Schnee. Zusätzlich lässt sich die Kamera heran- und hinauszoomen und um 360° drehen. Der Reaktor und die beleuchteten Gassen der Häuser speien wenigstens ein wenig Licht in diesen düsteren  und kalten Krater, sodass unser Reaktor bald darauf wie eine rettende  Fakel inmitten einer endlosen Eiswüste wirkt. Dazu kommen die sehr übersichtlich und intuitiv steuerbaren Menüs, die zumeist kreisförmig mittels der Analogsticks durchgewählt werden können. All das zusammen erschafft ein in sich schlüssiges Gesamtbild, welches die Atmosphäre von Frostpunk entscheidend mitprägt, wie wir es nur aus wenigen Spielen kennen.
Sound


Umfang

Alles, was  die PC-Version auch bietet

Erhältlich ist die Konsolenversion für derzeit rund 30 Euro. Enthalten sind alle Inhalte, die es auch schon in der PC-Version gegeben hat. Einschließlich aller Inhalte, die ursprünglich in Form von Updates und DLCs ihren Weg ins Spiel gefunden haben. Neben der Kampagne existieren noch der Szenario-Modus, in dem wir durch verschiedene szenarische Bedingungen durch die Eiszeit müssen und ein Endlos-Modus.

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Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen. Eine 24h-Schicht bleibt nicht ohne Auswirkungen.

Darüberhinaus existieren neben den Krater als Region noch die Regionen Felsen und Schlucht, die sich vorallem in ihrer Ressourcen-Verfügbarkeit voneinander unterscheiden. Durch die vier Schwierigkeitsgrade, lässt sich die Härte des Gameplays angenehm dosieren.

Wie lange uns Frostpunk pro Spieldurchlauf beschäftigen wird, ist schwer zu sagen, denn scheitern können wir zu jedem Zeitpunkt. Doch eines können wir mit Gewissheit behaupten: Frostpunk fesselt uns an die heimischen Sitze, wie kaum ein anderes Aufbau-Strategie-spiel. Auch wenn die Einwohner nur ameisenhaft hin und her wuseln, sind uns ihre Bedürfnisse und Anliegen nicht egal. Es ist ein höchst spannendes Unterfangen, die eigene Bevölkerung bei eisigen Temperaturen bei guter Gesundheit zu halten und gleichzeitig das eigene Moralverständnis auszuloten.


Fazit

Ein Meisterwerk in seinem Genre

Seit seinem erscheinen, Anfang 2018 für den PC, ging Frostpunk über 1,5 Millionen Mal über die virtuelle Ladentheke. Ein stattlicher Wert für ein Indie-Spiel und völlig verdient noch dazu. Das polnische Entwicklerteam ist bereits mit This War Of Mine ein Titel gelungen, der uns selbst noch nach Jahren sehr gut im Gedächtnis geblieben ist. Frostpunk steht dem in nichts nach ist und gestaltet sich als ein Aufbau-Strategie-Erlebnis, dass den Spieler mit intensivem Gameplay gebannt an den Controller fesselt. Immer wieder wird dabei die Härte und Verzweiflung der Leben spürbar, die sich durch diese eisige Zeit kämpfen müssen und wir selbst werden mehr als einmal an die Grenzen unserer eigenen Moral gebracht. Ausbeutung, Kinderarbeit, Korruption, Nahrungsmittelknappheit – alles heiße Eisen! Frostpunk wagt es, diese Eisen aus dem Feuer zu holen und reicht sie direkt an uns Spieler weiter. Wie man dann damit umgeht, ist jedem selbst überlassen. Dank der schönen Menus und intuitiven Controller-Steuerung werden wir nicht der Bedienbarkeit wegen Bauchschmerzen bekommen.

Ein Meisterwerk – innovativ, fordernd und unerbittlich kalt.

 

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