Bild: Square Enix

[ TEST ] LIFE IS STRANGE: TRUE COLORS

Square Enix´ Spiele-Serie Life is Strange stellt seit jeher das Leben von Teenagern in den Mittelpunkt. Heranwachsende, die zur Schwelle im Erwachsenenalter stehen und das erdrückende Gefühl besitzen, dass die Last der gesamten Welt auf ihnen liegt. Life is Strange: True Colors entführt uns abermals in eine amerikanische Kleinstadt, in der man den Menschen ganz genau in die Köpfe und Herzen schaut.

Ersteindruck
Neustart in der Kleinstadt

Wir schlüpfen in die Haut der jungen Alex Chen, mit der wir gerade in Haven Springs eintreffen. Die amerikanische Kleinstadt liegt im Bundestaat Colorado und strahlt die idyllische Atmosphäre eines Postkarten-Fotos aus. Das majestätische Bergpanorama westlich der Stadt und der See südöstlich machen Haven Springs zu einem verschlafenen kleinen Ort, aus dem man nicht mehr weg will, weil er einem mit seiner Stille und seiner Schönheit sofort gefangen nimmt. Hier hofft Alex einen Platz für sich zu finden, in dem sie Frieden mit sich selbst und ihrer Vergangenheit schließen kann. Doch alles kommt anders.

Die Kleinstadt Heaven Springs scheint die Idylle schlechthin zu sein.

Alex freut sich auf ein Wiedersehen mit ihrem Bruder Gabe. Die beiden verbindet eine traumatische Kindheit. Der Tod der Mutter ließ das Familienheil zerbrechen. Der Vater verlor sich in der Alkoholsucht und der ältere Bruder Gabe wurde kriminell und landete auf Jahre im Jugendknast. Alex wurde noch als Kind in ein Erziehungsheim gesteckt, in der sie Erfahrungen mit Mobbing, Einsamkeit und Ausgrenzung machen musste. Nach dem Gefängnisaufenthalt hat Gabe den Sprung in ein ehrliches Leben geschafft. Er zog nach Haven Springs und kämpft darum, ein normales Leben führen zu können und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Heute, in der Handlung des Spiels angekommen, sehen sich die Geschwister nach Jahren der Trennung zum ersten Mal wieder.

Gameplay
Ich kann Gedanken lesen

Die Protagonisten der Life is Strange Serie teilen sich eine große Gemeinsamkeit. Abgesehen davon, dass sie sich allesamt im Teenager-alter an einem Scheitelpunkt ihres Lebens befinden, verfügen die Hauptcharaktere der Geschichten über besondere Fähigkeiten. Max Caulfield, die Heldin des ersten Life is Strange Ablegers, kann die Zeit beeinflussen und erhält Vorsehungen aus der Zukunft. Der neunjährige Daniel Diaz aus Life is Strange 2 lässt mittels Telekinese Dinge durch den Raum schweben.

Alex Chen, unsere Heldin aus True Colors, spürt die Emotionen ihrer Mitmenschen. Besonders intensiv ausgeprägte Gefühle färben auf Alex ab. Wenn etwa ein kleiner Junge wie gelähmt unter seinen Angstattacken leidet, dann wird auch für uns diese Angst greifbar, fühlbar und sichtbar. Außerdem können wir in einzelnen Fällen hören, was die Menschen um uns herum denken. Dass das den Umgang mit Menschen für Alex nicht einfach macht, ist bereits früh ersichtlich.

Alex Chen möchte ein normales Leben beginnen.

Life is Strange True Colors versteht es auf gekonnte Weise, die Charaktere und ihre Gedankenwelt nachvollziehbar und einfühlsam zu veranschaulichen. Alex ist eine sehr sympathische und lebensnahe Person. Leider kann man das nicht über jeden Charakter sagen. Oft verläuft sich das Spielgeschehen auch in plumper Gefühlsduselei und bleibt zu eindimensional. Das zentrale Thema der Handlung ist der Tod und Abschied einer geliebten Person. Und auch wenn die gewichtige Thematik der Trauer und ihrer Bewältigung dazu einlädt, viele Emotionen auf sensible Weise zu zeigen und zu veranschaulichen, wie unterschiedlich Menschen mit solch einem schweren Schicksalsschlag umgehen können – Entwickler Deck Nine gelingt das nicht sehr überzeugend.

Schnell verirrt man sich in plakative und oberflächliche Charakterzeichnung. Nach dem Todesfall bekundet praktisch jeder Einwohner in Heaven Springs, dass er traurig ist. Tränen werden auch reichlich vergossen. Das Spiel setzt dabei stark darauf, dass es uns, als Spieler vor den Bildschirmen, genauso geht – doch die Rechnung geht nicht wirklich auf. Die Gefühle und Gedanken der Menschen werden dafür zu simpel und eindimensional abgebildet, so dass wir uns mitunter wie in einer Seifenoper fühlen.

Doch auch wenn True Colors beim Vermitteln von Gefühlen meist nach der Vorschlaghammermethode vorgeht, gelingt es dem Spiel auch immer wieder, großartige Momente zu bebildern. Am stärksten ist die Handlung, wenn sie sich ganz auf Alex fokussiert und zeigt, wie das menschenscheue Mädchen von einst, Freunde findet, Vertrauen fasst und über die Schatten ihrer Vergangenheit springen kann. Als unnötig empfinden wir dabei den „Verschwörungs-Plot“ der Handlung, die die Machenschaften des in Heaven Springs ansässigen Bergbauunternehmens in den Fokus rückt. Spätestens dann gerät die Story in Schieflage und es wird uninteressant, bevor das Ende sich wieder auf die Stärke seiner Protagonisten konzentriert und sich zu einem runden Abschluss rettet.

Das Gameplay selbst macht gegenüber den Vorgängerspielen keinen Innovationssprung. Die Umgebungen sind nun detailreicher ausgearbeitet. Es existieren oft viele Gegenstände und Menschen, mit denen wir kurz interagieren können, um mehr darüber zu erfahren, wie der Ort Heaven Springs tickt und was seine Einwohner gedanklich beschäftigt. Mit unseren Gedankenkräften dürfen wir auch immer wieder in die Köpfe unserer Mitmenschen schauen. Daraus ergeben sich immer wieder interessante kleine Dialoge, in denen uns das Spiel ein klein wenig Entscheidungsfreiheit lässt.

Die Grafik präsentiert sich liebevoll detailliert und charmant.

Ansonsten ist Life is Strange True Colors ein klassisches Story-fokussiertes Abenteuer, das den linearen verlauf seiner Handlung in den Mittelpunkt stellt. Das freut vor allem all jene, die vielleicht kaum Videospiele spielen oder die keine hektische Spiel-Session gebrauchen können und sich stattdessen für ein entspanntes Erlebnis entscheiden möchten.

Sound & Grafik
Schön, aber nicht ganz modern

Mit Life is Strange True Colors haben die Entwickler von Nine Deck die Grafik gegenüber dem Vorgänger nochmals verbessert. Heaven Springs ist eine sehr detaillierte Kleinstadt, die mit toller Lichtstimmung die Schönheit eines Postkartenfotos ausstrahlt. Die Umgebungen sind nun weitläufiger, nur dass unsichtbare Levelgrenzen oft etwas ungeschickt durch in den Weg gestellte Gegenstände verdeckt werden.

Auf den neuen Konsolen PS5 und Xbox Series S/X existieren zudem mehrere Grafikmodi. Da wäre der Leistungsmodus, der die Auflösung etwas zurückschraubt und eine höhere Framerate ermöglicht. Wobei 60 fps auch hier nicht erreicht werden! Darauf folgt der Qualitätsmodus, der die volle Grafikqualität bei 4K-Auflösung und 30 fps anstrebt. Abschließend bleibt noch der Raytracing-Modus, der die Lichtstimmung verbessert und die Auflösung leicht reduziert.

Es bleibt der Eindruck zurück, dass True Colors die Hardware der neuen Konsolen nicht ausschöpft. Dass kein Modus 60 fps anbietet, ist schwach und auch die Ladezeiten bei Szene- oder Gebäudewechsel ist selbst auf der PS5 überraschend lang ausgefallen. Rund 10 Sekunden müssen wir uns dann gedulden, bis das Spiel fortgeführt wird. Würde man die Geschwindigkeiten der SSDs ausschöpfen, dürfte es eigentlich gar keine Ladezeiten geben.

Die Kleinstadt scheint ein dunkles Geheimnis zu bewahren.

Beim Sound setzt True Colors mal wieder auf eine tolle Auswahl an Musikstücken aus der Indie-Rock und Indie-Pop Szene. Life is Strange ist eben auch für seine Ohrwurmverdächtigen Soundtracks bekannt, die gefühligen Pop und krachende Rocksongs gleichermaßen bieten. Auch diesmal weiß das Musik-Portfolio zu überzeugen und landet mit Leichtigkeit auf der Liste der besten Soundtracks in diesem Jahr.

Eine deutsche Vertonung der Charaktere feiert in True Colors seine Premiere. Bisherige Ableger waren stets auf englische Sprecher beschränkt. Das ändert sich nun. Die deutschen Sprecher sind dabei sehr passend und stimmungsvoll ausgewählt worden, was eine weitere Stärke des Spiels ist und die Handlung auch für deutsche Spieler bereichert.

Fazit
Gefühlvolle Reise über das Ankommen und Erwachsenwerden

True Colors atmet die Seele der Life is Strange Serie. Wer die bisher erschienen Spiele kennt, weiß, was einem erwartet. Erfrischend dabei ist, dass es die Handlung immer wieder schafft, das sensible Zusammenspiel der Menschen in den Vordergrund zu rücken und spannende Dialoge abzubilden. Gameplaytechnisch bleibt Life is Strange auch einmal mehr seiner Linie treu und reduziert sich selbst auf ein Minimum und überlässt diesen freigewordenen Platz der Story. Die Story selbst weiß immer dann zu überzeugen, wenn der Fokus auf Alex Chen liegt und von ihrem Kampf erzählt, als junge Erwachsene endlich Anschluss ans normale Leben zu finden.

Ein paar Kritikpunkte sehen wir, wenn die Story etwa das ein oder andere Mal zu sehr auf die Tränendrüße drückt und uns Gefühle mit dem Holzhammer präsentieren will. Technisch betrachtet ist True Colors ein schickes kleines Erlebnis, dass die Vorzüge der neuen Konsole nicht auszuschöpfen weiß. Der Spielumfang von etwa 8 bis 10 Stunden ist für den Preis von 60 Euro OK. Allerdings, wenn man betrachtet, dass die Vorgänger die gleiche Spielzeit boten und nur die Hälfte gekostet haben, ist es kritisch zu betrachten. Einen Vorteil hat das allerdings: Life is Strange True Colors erscheint nun als ein vollständiges Spiel am Stück und nicht mehr über viele Monate als Episoden zerstückelt.

# Vorschau Produkt Bewertung Preis
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