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[ TEST ] SNIPER GHOST WARRIOR CONTRACTS 2 – Knapp daneben ist auch vorbei

Fans von Stealth- & Sniper-Games kommen an der Sniper Ghost Warrior-Serie eigentlich kaum vorbei. Mit Sniper Ghost Warrior Contracts 2 kam nun der insgesamt sechste Ableger der Serie heraus und wir haben für auch einen Blick durchs Zielfernrohr gewagt. Warum das Spiel die Bezeichnung „Desaster“ nur knapp verfehlt und warum wir als Fans langsam die Lust an der Serie verlieren, erfahrt ihr im Test.


Ersteindruck
Kaum neue Ideen, aber alte Schwächen

Seit vor über 10 Jahren der erste Teil veröffentlicht wurde, hat die Serie mit jedem Ableger seine Fans gleichzeitig zufrieden gestellt und enttäuscht. Denn leider war keiner der bisher erschienenen Ableger der Serie technisch auf der Höhe seiner Zeit. Auch mit der Story konnte kein Teil wirklich punkten, weswegen wir den Punkt auch weitestgehend ignorieren. Nur so viel: Es gibt (mal wieder) einen irren Diktator, dem das Handwerk gelegt werden muss und ihr seid als Scharfschütze hinter den feindlichen Linien, um das zu erledigen. Sowohl Story, als auch Charaktere sind dabei so austauschbar, dass man sie auch nicht wieder erwähnen muss. Spielerisch hat die Serie aber immer geglänzt. Das Sniper-Feeling war immer super und die toll inszenierte Bullet-Cam hat jedes Scharfschützenherz höher schlagen lassen.

Frei nach dem Motto „First things first“ könnt ihr vor jeder Mission eure Ausrüstung wählen und vorhandene Skillpunkte (im Spiel Token genannt) verteilen, um eure Fähigkeiten zu verbessern. Die Wahl des Scharfschützengewehres sollte dabei auf jeden Fall beachtet werden, denn in manchen Missionen bietet sich ein Gewehr mit Schalldämpfer an, in anderen ist eine höhere Reichweite sinnvoller. Hier gilt es ein wenig auszuprobieren und zu schauen, wie man selbst gern vorgeht. Sobald man eine Mission ein paar Mal gespielt hat, weiß man aber ganz gut, was am besten funktioniert.

Vor jeder Mission heißt es: Ausrüstung auswählen und neue Skills lernen. 7 Sniper Ghost Warrior Contracts 2

Als Sekundärwaffe können wir den Bogen wärmstens empfehlen. Der ist nicht nur leise, sondern bietet dank der Sprengpfeile auch etwas gegen gepanzerte Gegner, die sonst etwas schwer werden könnten. Die weiteren Gadgets, wie z.B. Drohnen, ein automatisches Geschütz oder Giftfallen sind nette Spielereien, mit denen man im Spiel zwar durchaus gut taktisch agieren kann, aber so wirklich notwendig sind sie eigentlich nicht. Aber haben ist besser, als brauchen.

Vor dem Start der Mission wird euch dann noch kurz erklärt, worum es geht und wer die Zielpersonen sind. Dabei könnt ihr diese Zeile auf unterschiedliche Weise ausschalten. Es bleibt euch überlassen: Kugel in den Kopf, in die Luft jagen, ein „Unfall“ … es gibt viele Wege das Ziel in den Ruhestand zu schicken. Da es hierfür auch viele Ingame-Challanges gibt, für die man Belohnungen in Form von Geld und Token bekommt, macht es auch durchaus Sinn, die verschiedenen Wege auszuprobieren und ein Gebiet mehrfach zu spielen. Das steigert den Wiederspielwert schonmal ganz ordentlich.


Gameplay
Für Anfänger und Profis.

Das Gameplay ist, wie bei allen Teilen der Serie, in erster Linie auf Schleichen und das Töten aus größer Ferne ausgelegt. So wie man es von einem Sniper-Spiel erwarten darf. Dabei gilt es geschickt Deckungen zu nutzen und aus dem Verborgenen zu agieren, ohne das die Truppen des Feindes auf euch aufmerksam werden. Das ist manchmal leichter gesagt als getan, denn ohne taktisch kluges Vorgehen habt ihr sofort massenhaft Feinde am Hacken. Das Areal und die Gegebenheiten sollte man also möglichst klug nutzen und versuchen, den Gegner entweder zu umgehen, oder einzelne Feinde z.B. mit Steinen und Gadgets von den anderen zu trennen und auszuschalten, um die Reihen der Gegner Stück für Stück zu lichten.

Um es ein wenig einfacher zu haben, ist es sinnvoll, Feinde zu überwältigen und sie dazu zu bringen, die Position ihrer Kollegen zu verraten. Diese werden dann dauerhaft auf der Karte markiert und ihr könnt euer Vorgehen besser planen. Und falls ein Feind mal nicht besonders gesprächig ist, habt ihr ja noch euer Fernglas und die Drohne, um euch einen Überblick über die Lage zu verschaffen.

Auch das Waffen-Handling ist Serien-typisch gut gelungen und geht leicht von der Hand. Kleine Zielhilfen erleichtern dabei den Einstieg, Profis können aber auch komplett ohne spielen. Alles in allem funktioniert das Gameplay ganz gut, und lässt euch genug eigenen Spielraum um ein wenig rum zu probieren und eigene Wege zu finden die Mission erfolgreich zu beenden. Unterm Strich hätten wir uns aber noch etwas mehr Abwechslung gewünscht.


Umfang/Inhalt
Mehr als man sieht

Wirft man einen ersten Blick auf die Regionenübersicht, könnte man meinen, dass das etwas wenig ist, aber jedes der fünf Hauptmissionsgebiete kann mehrere Stunden in Anspruch nehmen und braucht außerdem mehrere Spieldurchgänge, um komplett erledigt zu werden. Natürlich immer abhängig davon, wie ihr vorgeht. Geht ihr wie ein Mähdrescher durch die Reihen des Feindes, kann es natürlich um einiges schneller gehen. Aber da wir es hier immerhin mit einem Stealth-Game zu tun haben, sollte man das Ganze auch so spielen, wie es vorgesehen ist: Still und Leise. Es macht viel mehr Spaß den Gegner auszuspähen und dann aus dem Nichts zuzuschlagen und ein kleines Schweinchen nach dem anderen „verschwinden“ zu lassen, bis schließlich nur noch die Zielperson übrig ist. Je nachdem, wie gründlich ihr dabei vorgeht, kann für ein einziges Gebiet auch mal ein ganzer Abend draufgehen. Und wenn ihr zusätzlich noch ein paar der Herausforderungen erledigen wollt, sind gern noch ein paar Stunden mehr drin.

In jeder Mission gibt es mehrere Ziele zu erledigen. / Sniper Ghost Warrior Contracts 2

Bei den Missionen haben wir die üblichen Verdächtigen. Schalte Zielperson XY aus, störe Radaranlage so und so und/oder lade einen Virus hoch usw. Dazu kommen gelegentlich optionale Kopfgelder, die ihr für das Erledigen von zusätzlichen Zielpersonen kassieren könnt. Dabei ist es nicht nötig, alle Ziele in einem einzelnen Durchgang zu erledigen. Wer z.B. nur eine bestimmte Herausforderung erledigen will, kann dies tun und das Missionsgebiet danach über einen der Extraktionspunkte verlassen. Die verdiente Kohle könnt ihr dann vor der nächsten Mission in neue Ausrüstung oder Zubehör stecken. Für das Verbessern eurer Skills bekommt ihr Token, mit denen ihr über einen simplen Skillbaum eure Fähigkeiten verbessern und neue freischalten könnt.


Grafik/Sound/Technik
Noch nicht ganz ein Desaster

Optisch war die Sniper Ghost Warrior-Serie noch nie ein Highlight. Es sah immer ganz nett aus, hat sich dabei aber immer im Mittelmaß bewegt. Das ändert sich auch mit Contracts 2 nicht. Es sieht ganz hübsch aus, leistet sich optisch keine großen Schnitzer und macht seine Sache eigentlich ganz ordentlich. Ein wenig mehr optischen Feinschliff und vor allem etwas mehr Spiel mit Licht und Schatten hätte dem Ganzen gut gestanden. Zumal man mit Licht und Schatten auch taktisch hätte agieren können. Einen Gegner aus dem dunklen Schatten oder aus dem gleißenden Licht der Sonne heraus erledigen zu können, hätte nicht nur die Optik nochmal aufgewertet, sondern auch die taktische Tiefe durchaus etwas verbessern können.

Beim Sound gibt es nichts, was man irgendwie besonders hervorheben könnte, oder worauf man besonders eingehen müsste. Die Musikalische Untermalung passt meist zum Spielgeschehen. Ab und zu setzt aber auch dramatische Musik ein, bei der man meinen könnte, man wäre vielleicht entdeckt worden. Nach ein paar Sekunden erhöhtem Puls merkt man aber, dass das Musikstück im Hintergrund einfach nur zum unpassenden Zeitpunkt dramatisch klingt.

Die Soundeffekte machen auch nicht mehr als sie sollen. Hier und da rasselt zwar auch mal eine Klapperschlange, die dann aber nirgends vorhanden ist, aber der Rest macht seine Sache ordentlich. Die Waffen klingen ganz gut, die Umgebungsgeräusche (z.B. klappernd herunterfallende Steine in einer Höhle) passen zum Geschehen und erfüllen ihren Zweck ganz ordentlich. Die Sprachausgabe ist soweit auch in Ordnung. Das Meiste beschränkt sich dabei auf Funksprüche mit eurem Vorgesetzten und die Beschreibung der Mission im Einleitungsvideo vor jeder Mission. Gelegentliche Gespräche zwischen Gegnern lockern das Spielgeschehen zwischendurch immer ein wenig auf. Dabei scheinen erstaunlich viele von ihnen ein Problem mit dem Schnarchen zu haben, weswegen Ihre Frau sie vom gemeinsamen Bett auf das Sofa verbannt hat.

Der wohl größte Schwachpunkt der gesamten Serie war immer die Technik und Contracts 2 bleibt dieser Tradition LEIDER treu. Das Spiel strotzt nur so vor Glitches und Bugs. Angefangen bei Gegnern, die in seltsamen Posen erstarren, weswegen man gelegentlich nicht erkennen kann, ob sie schon erledigt sind oder nicht, bis hin zu kritischen Fehlern, bei denen Feinde in Wände glitchen oder ihr selbst in einer Wand hängt, oder zwischen zwei Hindernissen feststeckt, ist alles dabei. Auch das Wechseln der Waffe fällt gelegentlich mal aus. Das Problem kann man zwar mit der Auswahl über das Ringemenü (auf dem Digitalkreuz nach unten gedrückt halten) umgehen, passiert das aber in einer Situation, in der man schnell wechseln muss, kann das den vorzeitigen Bildschirmtod bedeuten.

Der Skillbaum ist relativ einfach gehalten. / Sniper Ghost Warrior Contracts 2

Das Alles wäre nur halb so schlimm, wenn die Speicherpunkte HALBWEGS vernünftig gesetzt wären, oder man manuell speichern könnte. Aber in diesem Punkt muss man leider sagen, haben die Entwickler völlig daneben gegriffen. Man muss oft ganze Abschnitte nochmal spielen, wenn mal wieder ein Reload nötig war. Das kann besonders bei schwierigeren und aufwändigen Passagen EXTREM frustrierend sein. Oder auch dann, wenn man sich an einer besonders schwierigen Challenge versucht. Spätestens nach dem dritten oder vierten Versuch werden die meisten so langsam die Geduld und den sowieso schon eher mäßigen Spaß am Spiel verlieren.

Dazu kommt eine Gegner-KI, die diesen Namen absolut nicht verdient hat. Kugeln, die direkt neben Gegnern einschlagen, lösen MANCHMAL nur ein Schulterzucken und MANCHMAL einen Großalarm aus, ab und zu schießen Gegner nicht aus der Deckung heraus, sondern versuchen DURCH ihre eigene Deckung hindurch auf euch zu schießen oder ballern völlig sinnlos mit normalen Gewehren aus einer Entfernung von z.B. 1300 Metern oder mehr grob in eure Richtung. Als ob das irgendwie was bringen würde … mit solchen Soldaten könnte kein Diktator der Welt ein Land regieren.

Unterm Strich ist Sniper Ghost Warrior Contracts 2 technisch zwar kein komplettes Desaster, aber nachdem wir es hier immerhin mit dem insgesamt sechsten Teil der Serie zu tun haben, ist es fast ein bisschen erschreckend, dass das Spiel auf einem technisch so niedrigen Niveau liegt.


FAZIT

Mit Sniper Ghost Warrior Contracts 2 bleibt CI Games seiner Linie treu und liefert ein Sniper-Spiel, dass einerseits mit ganz gutem, wenn auch verbesserungswürdigem Feeling glänzen kann, aber auf der anderen Seite technisch MAXIMAL mittelmäßig abschneidet. Die vielen kleine und ein paar kritische Bugs und Glitches stören nicht nur das Spielen an sich, sondern zerstören oft auch die Immersion und damit jede Menge vom Spielgefühl. Dazu kommen Kleinigkeiten wie die erschreckend langweilige Bullet-Cam, die in den Vorgängern immer eines tollsten Details war und das Spiel trotz anderer Unzulänglichkeiten zu einem kleinen Erlebnis gemacht hat.
Das Spiel KANN zwar unterhalten und wird viele Fans womöglich auch zufriedenstellen, aber wer ein immersives und packendes Spiel erwartet, wird wohl eher enttäuscht sein. Und so langsam vergeht selbst uns als Fans der ersten Stunde die Lust auf eine Serie, die von Ableger zu Ableger kaum Fortschritte macht und dieselben Fehler immer und immer wiederholt und dabei jedes Mal dieselben Schwächen aufweist. Insgesamt ist Sniper Ghost Warrior Contracts 2 zwar kein totaler Reinfall, aber ein Volltreffer ist es noch weniger. Dafür verschenkt das Spiel in praktisch jeder Hinsicht viel zu viel Potenzial und bleibt meilenweit hinter den eigenen Möglichkeiten und auch hinter dem, was man heutzutage eigentlich erwarten darf.

Der Test basiert auf der XBox-One-Version. Gespielt auf der XBox Series X.

 

Christian Genschow
Redakteur für Web & Video bei PlayStation Experience ... & YouTuber.